"Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus", heißt es am Anfang der "Winterreise". Das Gleiche kann man über die Festwochen-Premiere vom Montagabend sagen. Während sich Wiens Jugend in den sonnenbeglänzten Höfen des Museumsquartiers aalte, betrat das Publikum eine Dunkelkammer namens Halle E. Darin ertönte dann Schuberts Liederzyklus - nicht nur berüchtigt als frostiger Metaphernreigen von Eis bis Sturm, sondern in seiner Verzweiflungsintensität so ziemlich das Schwärzeste, was die Wiener Klassik zu bieten hat.

Der Eigentümlichkeiten nicht genug, haben die Festwochen eine neuartige Allianz geschmiedet: William Kentridge, renommiert von seiner Heimat Johannesburg bis zu Kunstballungszentren wie der Documenta, überlagert die tönende Todesreise mit seinen Animationsfilmen. Über zwei gewaltige Flächen - wegen der vielen affichierten Zettel könnte man sie schwarze Künstler-Bretter nennen - flackern Menschen, Masten, Tiere, überhaupt viele Silhouetten; ein jedes Filmbild hat Kentridge mit Kohlestift gezeichnet.

Kein Mensch versteht den Text


Mitunter wirkt der Schemenreigen wie von Buñuels Surrealismus gespeist: Fisch wird Krähe, Waschbecken Teich, und jene Frau, auf der eben noch ein Mann selig geschlummert hat, verschwindet jählings. Da ist sie also, Wanderers Einsamkeit, und es finden noch andere Winter-Worte ins Kohleschwarz. Am schönsten vielleicht im Lied von der "Wasserflut": Etwas naiv die Illustration mit dem Duschkopf, poetisch schön dann aber das Vis-à-vis von Mann und Frau, vereint durch ein Fernrohr zwischen den Köpfen.

Ein Nachbuchstabierer der Liedtexte (Wilhelm Müller) ist Kentridge also nicht - darf er auch nicht sein, wenn er den Abend anreichern will. Nur leider: Das Gros seiner Bilder (vieles ist aus älteren Arbeiten recycelt) bleibt der "Winterreise" so fremd wie der Sommer draußen. Mit Stationen wie (realen) Kriegsbildern oder Wegbegleitern wie einem afrikanischen Tross bleibt Kentridge letztlich ein Reiseveranstalter in seinem ganz eigenen Kosmos. Resultat: Film und Musik lassen sich ebenso wenig parallel verfolgen wie der Zweikanalton im Fernseher.

Was vielleicht nicht ganz so unmöglich gewesen wäre, hätte man die Liedertexte gut verstanden. Dies aber erschwert Matthias Goerne: Er hat seine butterweiche Phrasierung derart perfektioniert, dass sein Bariton fast nur mehr Vokalisen hervorbringt; und dass er (womöglich angestachelt durch eine für Kammermusik absurde Raumgröße) teils brüllt, macht ihn auch nicht textdeutlicher. Immerhin: Ein Spiel der - nebulosen - Extreme war das, und Intendant Markus Hinterhäuser hat es am Klavier fesselnd begleitet.