In grellbunten Outfits kommen sie auf die Bühne getanzt: Der Mann im roten Anzug stellt stolz sein knallorangefarbenes Hemd zur Schau, während sich ein anderer aus lauter Krawatten einen Rock gemacht hat. Ein dritter stolziert in rustikalem Blazer und kurzen Hosen über die Bühne. Und dann ist da noch der Mann, der unter seinem weißen Sakko einen violetten Kittel trägt. Traurig beginnt er mit warmer, hoher Stimme zu singen: "Lascia, ch’io pianga".

In "Coup fatal" will scheinbar eins nicht zum anderen passen: die Demokratische Republik Kongo, seit mehr als 15 Jahren Schauplatz blutiger Auseinandersetzungen, und die ebenso eleganten wie fröhlichen Gewänder, die einige ihrer ärmsten Bewohner zum Markenzeichen erkoren haben. Die lebensfrohe Musik des Landes und die pathetischen Arien von Händel, Vivaldi oder Monteverdi.

Postkolonialer Schwerpunkt


Und doch findet hier nur eine Spiegelung jenes Aneignungsprozesses statt, der uns in umgekehrter Richtung ganz normal vorkommt: Afrikanische Decken als Bettvorleger, "primitive" Plastiken auf der Anrichte, exotische Rhythmen zum Abtanzen - all das wirkt als Folge jahrhundertelanger Kolonisation ganz selbstverständlich, von unbekümmerten Wortkreationen wie den mittlerweile umbenannten "Negerküssen" oder dem "Mohr im Hemd" ganz zu schweigen. Dass auch die Kolonisierten ihre eigene Interpretation "unserer" Kulturprodukte haben, versteht sich eigentlich ganz von selbst, mag im Herzen Europas aber immer noch befremdlich wirken.

Während allerorts über Genets "Neger" gestritten wird, zeichnet sich bei den Wiener Festwochen relativ unbemerkt ein kleiner postkolonialer Schwerpunkt ab, der eben diese Spiegelung europäischer Kultur im Blick des "Anderen" zum Thema macht. Nach "Macbeth" wird in "Coup Fatal" bereits zum zweiten Mal der Kongo zur Stätte einer solchen Aneignung, die für europäische Augen und Ohren erstaunliche Resultate zeitigt.

Kongolesische Dandys


Als Ausgangspunkt dienten dem kongolesischen Countertenor Serge Kakudji die "Sapeurs", jene kongolesischen Dandys, die mit hochfrisierten Outfits aus der Kleidersammlung dem Leben in den Slums von Kinshasa auf unverdrossene Weise die Stirn bieten. So, wie sich die Sapeurs den Stil exklusiver Courtiers aneignen, so machen sich die Musiker in "Coup fatal" die italienische Barockmusik zu eigen: mit westafrikanischen Perkussionsinstrumenten, dem "Daumenklavier" Likembe und E-Gitarre. Die 13 Darsteller, die Kakudji unter den besten Musikern seiner Heimat rekrutiert hat, nähern sich der europäischen Musik des 17. und 18. Jahrhunderts auf ihre Art - wenn auch in den Arrangements des Belgiers Fabrizio Cassol: Motive werden geloopt und mit komplexen Rhythmen unterlegt, die Hauptthemen schon einmal von allen Musikern mitgesummt, bevor Kakudji mit opernhaftem Alt eine Arie intoniert. Ihre Fortsetzung findet die Aneignung auf der Ebene der Bewegung, wenngleich auch hier unter europäischer Anleitung: Der Choreograf Alain Platel ließ sich von den charakteristischen Gesten der Sapeurs inspirieren, gab vor allem aber den Musikern viel Raum, um ihre eigene Bewegungsenergie zu entfalten.

Dabei verbirgt sich unter der ausgelassen-bunten Oberfläche eine sehr ernste Auseinandersetzung mit den Problemen, die den Alltag in dem zentralafrikanischen Staat prägen: Schon der Titel "Coup fatal" (Todesstoß) spielt auf Kriegsgräuel und Vergewaltigungen an. Der Bastvorhang, der sich im Bühnenhintergrund malerisch bewegt, besteht bei näherem Hinsehen aus Patronenhülsen, und die blauen Plastikstühle, mit denen die Musiker in der ersten Szene jonglieren, kennt in der Demokratischen Republik Kongo jeder als Geschenk des Präsidenten Kabila an das Volk.

Vieles davon dürfte sich dem Premierenpublikum im Burgtheater nicht erschlossen haben. Trotzdem StandingOvations: Für die fesselnde Show inklusive Publikumsbeteiligung, vielleicht aber auch für die Gelegenheit, das Vertraute mit anderen Augen zu sehen.