Auf einer Fläche von nicht einmal einem Meter ereignet sich ein Spiel auf Leben und Tod. Der Franzose Yann Boudaud spielt in Claude Régys Inszenierung von "La Barque le soir" ("Boot am Abend") einen Mann, der im Begriff ist zu ertrinken. Auf der Bühnenrampe der Halle G im Museumsquartier steht er auf weiß grundiertem Boden. Diesen Platz wird er während der 80-minütigen Aufführung kein einziges Mal verlassen. Obwohl Boudaud keinen Schritt tut, ist er die ganze Zeit über in Bewegung. Der scheinbar bewegungslose Akteur spürt den Überlebenskampf eines Ertrinkenden mit jeder Muskelfaser nach und stellt dies in einer hochkonzentrierten Abfolge minimaler Bewegungsveränderungen dar. Nur wenige Monologpassagen und einige Soundeffekte (Ton: Philippe Cachia) durchbrechen die schier unendliche Stille.

Dem 91-jährigen französischen Regisseur Claude Régy glückt damit ein überzeugendes Wien-Debüt. Bereits seine Interpretation von Maeterlincks "Interieur" - die Premiere fand zu Beginn der Festwochen statt - war auf die Essenz konzentriert. In "La Barque le soir" treibt er den Minimalismus auf die Spitze und bringt neun Seiten Text aus dem gleichnamigen Roman von Tarjei Vesaas (1897-1970) auf die Bühne. Vesaas, einer der bekanntesten norwegischen Romanciers, verhandelt in seinem letzten Werk Stationen seines Lebens. Das Kapitel, das Régy auswählte, bringt den Urtrieb des Menschen, den unbedingten Lebenswillen zum Ausdruck. Die hochgelobte Uraufführung fand 2012 in Paris statt, seitdem geht die Produktion weltweit auf Tournee.

Ein geistiges Abenteuer


Der Eindruck, den diese im Grunde extrem reduzierte Darbietung in Wien hinterlässt, ist überwältigend. Es ist, als ob der Körper des Schauspielers tatsächlich langsam in die Tiefe gleitet, sich den Visionen des Tiefenrausches hingibt, um dann doch noch einmal an die Wasseroberfläche zu gelangen. Als er erstmals den Kopf über Wasser bringt, spiegelt sich das Wunder eines Atemzugs auf Boudauds ganzem Gesicht. Die Aufführung ist ein körperliches und geistiges Abenteuer, das bis zuletzt spannend bleibt und ein wenig an den Film "All is lost" (2013) erinnert, in dem Robert Redford in Seenot geriet. Die grenzenlose Einsamkeit und das Kreatürliche im Kampf mit den Elementen verdeutlicht Baudaud besonders einmal, als er auf der Bühne erbärmlich heult und winselt wie ein Hund. Man möchte ihm die Hand reichen und von der Bühne herab an Land ziehen. Ein Königreich für einen Rettungsring.