Sündige Tänze: Maria Jeritza als Salome. - © Theatermuseum
Sündige Tänze: Maria Jeritza als Salome. - © Theatermuseum

Auch das ist ein Aha-Erlebnis. Nein, es waren nicht die Musicalkapitalisten aus Übersee, die den Grundsatz prägten: "Du willst meinen Hit? Dann schluck das Gesamtpaket!" Richard Strauss war da deutlich früher dran. Nämlich schon 1911. Wer den "Rosenkavalier" nachspielen wollte - und das waren nach dem Dresdner Triumph nicht wenige -, musste auch die Ausstattung von Alfred Roller übernehmen. Eine erstaunlich frühe Blüte des Franchise-Systems.

Ein Fundort für solche Pointen ist nun das Theatermuseum. Rechtzeitig zum 150. Geburtstag des wohl letzten Operngenies widmet es diesem eine Schau, und sie ist interessanter geworden, als der vergrübelte Titel ahnen lässt ("Trägt die Sprache schon Gesang in sich . . ."). Zum Beispiel, apropos Titel: Wäre es nach Strauss gegangen, hätte seine erfolgreichste Zusammenarbeit mit Hugo von Hofmannsthal ganz anders geheißen, nämlich "Der Ochs". Aber, ätzte Strauss brieflich, "was will man machen. Hofmannsthal liebt das Zarte, Ätherische, meine Frau befiehlt Rosenkavalier. Also Rosenkavalier. Der Teufel hole ihn!"

Zu heiß für die Hofoper


Strauss-Briefe gibt es im Theatermuseum bis zum Abwinken: Mehr als 500 Korrespondenzstücke besitzt man; eine Auswahl erhellt nun die Geburt so unterschiedlicher Bühnenwerke wie "Salome" oder "Schlagobers", garniert mit einer stattlichen Anzahl Fotos, Kostümen und Skizzen. Praktisch, dass man hier auch Rollers Nachlass hortet: Das dramatische Talent des Secessionisten, einst von Mahler für die Oper rekrutiert, erweist sich bereits in Kostümskizzen. Da sinnt etwa eine hagere Elektra-Figurine im zerfetzten Kleid auf Rache. Auch ihre Vorgängerin Salome, Strauss’ erste Titelheldin, prangt an der Wand. Ein irreführender früher Erfolg: Der disziplinierte Bürgerkomponist galt damals, 1905, noch als Avantgardist, seine Salome war die Miley Cyrus der Moderne. "Das tu ich nicht, ich bin eine anständige Frau", soll die Uraufführungssängerin gezetert haben. Für die Wiener Hofoper war das zu heiß: Die Zensur sorgte dafür, dass die mords-lüsterne Schleiertänzerin dort erst 1918 ankam.

Die Flucht ins Schöne


Was für ein Kontrast zum Strauss von 1924: Während Wien unter der Depression ächzte, brachte die Hofoper ein Ballett ihres damaligen Co-Direktors heraus, und dieses "Schlagobers" schwelgte in Kulinarik: Da überfrisst sich ein Bub in einer Konditorei der Kärntner Straße und träumt dann von kreisenden Kalorienbomben. Taktlos? "Ich kann die Tragik unserer Zeit nicht ertragen. Ich möchte Freude machen, ich brauche das", schrieb Strauss.

Dass er die Verdrängungskunst bis zur Perfektion steigern sollte, verhehlt die Schau nicht. Sie stellt auch jenen Brief aus, in dem Strauss, zum Präsidenten der NS-Reichsmusikammer avanciert, sowohl Antisemitismus aufblitzen lässt als auch - eine bittere Pointe - Goebbels gegen sich aufbringt. Inhalt: Der angeschriebene Stefan Zweig solle seinen Widerstand aufgeben und ihm noch ein Libretto einrichten. Zweig, so appelliert Strauss 1935 an den verfemten Autor, möge sich bitte nicht in seinen jüdischen Stolz steigern. Mit dem - von den Nazis abgefangenen Brief - erreichte er jedoch nur eines: den Verlust seiner NS-Funktion. Bis Kriegsende verkroch er sich in einer mythischen Musiktheaterwelt. Zweigs Urteil: "In Wirklichkeit bekümmerte ihn im Sacro Egoismo des Künstlers nur eins: Sein Werk in lebendiger Wirksamkeit zu erhalten."

Ausstellung

Trägt die Sprache

schon Gesang in sich . . .

Theatermuseum, bis 9. Februar