Panoptikum der Putzigkeit: "Das schlaue Füchslein", erstmals an der Staatsoper. - © Pöhn/Staatsoper/apa
Panoptikum der Putzigkeit: "Das schlaue Füchslein", erstmals an der Staatsoper. - © Pöhn/Staatsoper/apa

Marty McFly hatte einen Traum. Er fuhr darin einen merkwürdigen Sportwagen. Das Auto beschleunigte, Blitze sprühten - dann spuckte es ihn in einer seltsamen Gegend aus. Den Menschen dort klebte Pomade im Haar, Ronald Reagan war noch Schauspieler, und aus den Radios säuselte "Mr. Sandman". Auch seine Mutter sah Marty dort, in der Blüte ihrer Jahre. Dann machte er noch eine Entdeckung. Er träumte nämlich gar nicht. Sondern war 30 Jahre in der Zeit zurückgereist.

Seltsam, aber: Was der Filmheld aus "Zurück in die Zukunft" durchmacht, das konnte man nun an der Staatsoper nachfühlen. Auch dort meinte man am Mittwoch zu träumen. Regisseur der Premiere war, wie einst so oft vor der Erfindung von Schnurlostelefon und Compact Disc, Otto Schenk, und die Bühne sah aus, als wäre die Hochzeit seines Naturalismus nie zu Ende gegangen. Ja, auf einer nach oben offenen Pompskala übertrifft diese Produktion sogar Schenks (bereits vor Astronaut Neil Armstrong) gestarteten "Rosenkavalier": Ausstatterin Amra Buchbinder hat einen klobigen Wald auf die Bühne gewuchtet; die Menschen darin feiern den vielleicht aufwendigsten Karneval diesseits von Rio.

Das Huhn im Schafspelz


Nun will man Schenk, dem 84-Jährigen, gern noch einen Triumph an jenem Haus gönnen, das immer noch alte Arbeiten von ihm hortet. Wenn dieses späte Comeback aber mit der Sabotage an einem - hier noch nie gespielten - Meisterwerk einhergeht, heißt es Protest anmelden. "Das schlaue Füchslein" von Leoš Janáček ist nämlich mitnichten ein Karneval. Auch kein Kindermärchen. In eineinhalb Stunden am Waldesrand, bald heiter, bald todtraurig, verflechten sich Episoden aus der Mensch- und Tierwelt zu einem Hohelied auf den Kreislauf des Lebens. Am Anfang und Ende steht der Förster: Er wird zuletzt den Nachwuchs jenes Füchsleins finden, das er einst mit nach Hause genommen hat. Glückstrunken über das ewige Werden, schläft er im Wald ein.

Nun verlangt gewiss keiner, dass man diese Parabel in den Gewerbepark Stadlau verlegen sollte. Schenk aber peilt das ästhetische Gegenteil an und begräbt Janáček unter einem Pandämonium der Putzigkeiten. Es kreucht, fleucht und flattert hier eine Myriade von Plüschfüchsen, Flauschhasen und Maulwurfsrobben (?); die Hühner, eines davon im Schafspelz (??), schütteln die Arme gar so tüchtig, als gälte es den Vogeltanz darzubieten. Naturalismus? Wäre all das nur, falls das Vorbild dieses Abends ein Kinderfasching war - zu dem es auch bestens passen würde, dass der Protagonistin Chen Reiss ein schwarzes Schnäuzelpünktchen auf die Nase gemalt worden ist. Die Natur, sie ist lieb!