• vom 07.07.2014, 16:00 Uhr

Bühne

Update: 07.07.2014, 16:28 Uhr

Nicolaus Hagg

Ein Stück Geschichte erwacht zu prallem Bühnenleben




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Von Heiner Boberski

  • In "1914 - Zwei Wege in den Untergang" zeigt Nicolaus Hagg, wie gefährlich es ist, wenn Menschen zu Helden werden wollen.

Vereidigung der Attentäter (v.l.): Marcello de Nardo, Florian Graf, Alexander Hoffelner, Stefan Gorski. - © Festspiele Reichenau/Carlos de Mello

Vereidigung der Attentäter (v.l.): Marcello de Nardo, Florian Graf, Alexander Hoffelner, Stefan Gorski. © Festspiele Reichenau/Carlos de Mello

Die Welt erstickt heuer fast in Büchern und Ausstellungen zum Attentat von Sarajevo auf den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand, das 1914 den Ersten Weltkrieg auslöste. Nimmt sich das Theater eines so bekannten historischen Stoffes an, droht Fadesse - man hört ständig das Papier wissenschaftlicher Abhandlungen rascheln - oder Krampf - blühende Phantasie führt zu totaler Geschichtsverfälschung.

In "1914 - Zwei Wege in den Untergang", dem gerade uraufgeführten Auftragswerk für die Festspiele Reichenau, gelingt dem Autor Nicolaus Hagg das Kunststück, nahe an der historischen Wahrheit zu bleiben, aber eine eigene Geschichte zu erzählen. Es ist die leider zeitlose Geschichte, wie menschliche Schwächen, insbesondere der Ehrgeiz, allgemeine Katastrophen herbeiführen.

Information

Theater
1914 - Zwei Wege in den Untergang
Von Nicolaus Hagg
Michael Gampe (Regie)
Festspiele Reichenau


Von der ersten bis zur letzten Szene, die jeweils mit zwei Schüssen im Off enden, spannt Hagg einen grandiosen Bogen. Regisseur Michael Gampe sorgt für Bewegung und packende Szenen inmitten des Publikums im Neuen Spielraum. Zwischen den Szenen erinnert der Lärm von Waffen und marschierenden Truppen an das immense Leid von Millionen Menschen im Krieg. Die Schauplätze, einerseits Orte auf dem Balkan, andererseits Wien, deutet ein Minimum an Bühnenbild (Peter Loidolt) ausreichend an, die Kostüme (Erika Navas) passen. Vor allem aber lassen die Akteure keinen Wunsch offen.

Die erste Szene spielt 1917: Oberst Dimitrijevic, genannt Apis, Chef des Geheimbundes Schwarze Hand, und sein Adjutant Velimir Vulovic werden von den Serben, also ihren eigenen Leuten, hingerichtet. Apis, ein diabolisch selbstsicherer Marcello de Nardo, bereut nichts, Vulovic, dem Tobias Voigt die nötigen Selbstzweifel gibt, fragt sich, "um welchen Preis" der Kampf um die Freiheit der Slawen geführt wurde. Nach diesem Auftakt rollt wie eine griechische Tragödie unaufhaltsam das Geschehen von 1914 ab.

In Serbien plant Apis das Attentat und manipuliert dafür junge, wütende Bosniaken mit der Aussicht auf unsterblichen Ruhm, insbesondere Gavrilo Princip, den er nach vollbrachter Tat "zu krönen" verspricht, da ja dessen Name schon "Fürst" bedeute. Parallelen zu heutigen Fanatikern, die etwa in Syrien ihr Heldentum beweisen wollen, drängen sich auf.

Das junge Trio Florian Graf (Cabrinovic), Alexander Hoffelner (Illic) und vor allem Stefan Gorski (Princip) hat es nicht leicht, die labile Psyche der Attentäter darzustellen, zieht sich aber mehr als beachtlich aus der Affäre.

Den Wiener Beitrag zur Katastrophe liefern routiniert Rudolf Melichar als Obersthofmeister Montenuovo, dem das Protokoll über alles und der Thronfolger mit seiner nicht standesgemäßen Ehefrau gegen den Strich geht, sowie Peter Moucka als Generalstabschef Conrad von Hötzendorf, der einem Serbien-Krieg engegenfiebert. Sie bringen den Thronfolger bewusst in Gefahr. Da können auch die Warnungen der großartigen Gertrud Roll (Erzherzogin Marie Therese) und von Alexander Lhotzky (serbischer Gesandter Jovanovic) nichts ändern.

Langer, verdienter Applaus.




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2014-07-07 16:05:04
Letzte Änderung am 2014-07-07 16:28:33


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