Sebastian Reinthaller, verdienter Tenor in Sachen leichte Muse, Publikumsliebling und frischgebackener Intendant der Bühne Baden (als Nachfolger Robert Herzls), droht sich zu erschießen! Und das, bevor die Operette überhaupt angefangen hat.

Keine Angst, dieser Regieeinfall (von Dominik Wilgenbus) während des Vorspiels zu Franz Lehárs letztem Bühnenwerk "Giuditta" dauert nur einen Augenblick, dann senkt sich der Vorhang wieder. Wenn Reinthaller seinen nächsten Auftritt hat, darf er, von Existenzzweifeln noch unangekränkelt, seine Paradearie "Freunde, das Leben ist lebenswert!" schmettern. Seelische Wüsteneien, die tun sich erst nach der Pause auf.

Überschäumende Lust und suizidaler Frust - für beides ist die Afrokärntnerin Bibiana Nwobilo verantwortlich. Sie spielt in der Eröffnungsproduktion des Badener Festivals "Sommerarena" die Titelpartie der Giuditta - eine unglücklich verheiratete, heißblütige Süditalienerin, die erst mit dem feschen Hauptmann durchbrennt und als Nachtklubtänzerin ein Leben à la femme fatale führt.

Idealbesetzung


Bibiana Nwobilo ist für die Giuditta geradezu eine Idealbesetzung: volltönende Stimme, deutliche Intonation, bühnenwirksames Spiel - und betörend schön. "Meine Lippen, sie küssen so heiß" - als sie es in die Tat umsetzt, erntet sie anerkennende Pfiffe aus dem Publikum. Dagegen wirkt sogar ein stimmlich brillanter Routinier wie Reinthaller ein wenig blass. Leháresk überspannt, wie es sich gehört: Laura Scherwitzl und Alexander Voigt als quirliges Buffopaar Anita und Pierrino.

Die "Giuditta" wird in Baden nicht zum ersten Mal gegeben, und Dirigent Franz Josef Breznik hat in den vergangenen acht Jahren nichts verlernt - glutvoll wie Puccini, walzerselig wie Strauß, so muss es klingen. Mit sparsamen, aber geschmackvollen Mitteln sorgt Johannes Leitgeb für das Bühnenbild (Landgasthof, afrikanische Wüste, Nachtklub, Separée), leider ein wenig zu sparsam wird das Ballett eingesetzt (Choreografie: Bohdana Szivacz).

Einen unschätzbaren Vorteil hat die Sommerarena Baden im Vergleich mit allen anderen jetzt anhebenden sommerlichen Festivals: ein (schon mehr als 100 Jahre zählendes) Bühnengebäude, dessen Dach sich in weniger als einer Minute öffnen oder schließen lässt. Aus der Wetterlage wird in Baden also stets das beste herausgeholt!