Natürlich könnte man sich wundern. Da steht David Pountney, der langjährige Intendant der Bregenzer Festspiele, also am Beginn seines letzten Sommers. Und was gibt er als Motto aus? Ausgerechnet "Wien zartbitter". Auf den ersten Blick wirkt das nicht unbedingt werbewirksam in Vorarlberg. Der Wiener ist in diesen Breiten, einmal höflich gesagt, in seiner Bedeutung umstritten.

Auf den zweiten Blick hat das Motto freilich Sinn. Immerhin serviert Pountney heuer eine Uraufführung des renommierten HK Gruber - und der verfrachtet Ödön von Horváths "Geschichten aus dem Wiener Wald" auf die Opernbühne. Die Heurigen-Menschheit wird in diesem tragikomischen "Volksstück" von 1931 nicht unbedingt gefeiert. Unter einer picksüßen Panier macht ein Pandämonium aus Larmoyanz, Grausamkeit und Heuchelei vor allem eines klar: Der Mensch ist dem Menschen Reblaus, ein jeder saugt den anderen aus. Horváth exemplifiziert das drastisch: Marianne, die Gute, wird am Ende eines veritablen Demütigungsmarathons - vom Hallodri zum unehelichen Kind zur Stripperkarriere - völlig kollabieren. Seiner Liebe entgehe sie nicht, raunt der Ex-Verlobte Oskar. Dem unehelichen Kind zuliebe gibt sie nach. Doch das ist tot, muss sie zuletzt hören. Auf der Bühne des Bregenzer Festspielhauses hebt Oskar die erschlaffte Marianne hoch, macht sich fort mit ihr wie ein Nekrophiler mit seiner Leiche. Monströse Blechdissonanzen dröhnen, der Vorhang fällt.

Es regiert die Fratze

Diese Musik hat Macht. Mit einem Brennstoff namens Rhythmus hält Gruber drei Opernstunden auf hoher Temperatur. Kaum ein Moment, da die Wiener Symphoniker nicht rattern würden wie eine Höllenmaschine, wirbelnde Klangstrudel entfachten oder vertrackte Motive ineinanderschöben. Darüber schwirren die Singstimmen - rasend oft auch sie in ihrer Mischung aus Sprechgesang, Deklamation und Arie. Es hilft dem Ohr in diesem Schnellbeschuss, dass Grubers Musik, bei aller Komplexität, doch aus einem tonalen Urgrund strömt. Und: Die Partitur des 71-Jährigen bleibt der Bühne gefühlsecht verbunden. Oskar zelebriert die Unentrinnbarkeit seiner Liebe mit einem sauren Spitzenton, und wenn Marianne den schweigsamen Herrgott fragt, was er mit ihr vorhabe, tönt aus dem Orchester schon der Pesthauch des Schmuddelkabaretts. Überhaupt regiert die Fratze: Hatte sich Horváth als Soundtrack eine Reihe von Strauß-Walzern gewünscht, taucht Gruber diese Ohrwürmer quasi in ein Säurebad: Das Saxofon greint einen windschiefen "Donauwalzer", und hinter der Bühne klimpert Horváths Realschülerin einen patscherten Dreivierteltakt. Mitunter, wenn diese vielen, vielen Rhythmen schweigen, erstehen Atempausen von bestrickender Poesie. Offene Streicherakkorde, glitzrig umspielt, wehen einen Hauch von Alban Bergs "Wozzeck" herein.

Lob gebührt freilich auch Michael Sturminger. Mit (fast) durchwegs sicherem Sinn für Spannungsbögen und Abwechslung hat er das Drama auf ein kompaktes Libretto eingedampft. Als Regisseur setzt er es dann auch weitgehend selbsterklärend in Szene. Nur: Er taucht die Figuren schon in ein sehr grelles Licht. Das Horváth-Diktum, dass diese "Geschichten" allerorts stattfinden könnten, wird ihm zum Freibrief für eine semiheutige Strizziparade der mitunter sehr zotigen Sorte.

Exzellente Besetzung

Nichtsdestotrotz gelingt hier lebenspralles Musik-Theater. Da gibt Angelika Kirchschlager die kokett-klangvolle Trafikantin, wimmert Daniel Schmutzhard als wehleidiger Schlawiner im Zuhälterzwirn, leidet Jörg Schneider (Oskar) stimmschön und zürnen Anja Silja als böse Großmutter und Michael Laurenz als tenoral wendiger Waffennarr. Gewiss: Den "Zauberkönig" hat die Regie viel zu teddybärenweich gezeichnet. Mit seinem profunden Bass macht Albert Pesendorfer dennoch respektable Figur, und die Stimme von Ilse Eerens (Marianne) schraubt sich in herzzerreißende Leidenshöhen: Chapeau. Applaus natürlich vor allem für Gruber, der den Abend auch dirigiert hat. Mag sein, dass dies nicht mit der letzten Präzision für die fitzeligen Rhythmen gelang. Man wird diese Luft nach oben in den nächsten Tagen aber wohl noch mit Qualität füllen, spätestens bei der Wiederaufnahme im Theater an der Wien nächstes Jahr.