Naturbeobachtung ist in der Regel eine kontemplative Angelegenheit. Um das sprichwörtliche Gras wachsen zu hören, braucht es nicht nur ein feines Gehör. Auch mit Langmut muss man gesegnet sein. Bei den Bregenzer Festspielen jedoch ist weder das eine noch das andere nötig. Und Fadesse kommt auch nicht auf. Im Verlauf von 140 Opernminuten richten sich Riesenhalme zu idyllischem Vogelgezwitscher immer wieder urplötzlich und prall auf, und es ist dies nur eine Attraktion in einem Spektakel-Paradies namens "Die Zauberflöte". Intendant David Pountney hat die Mozart-Oper im Vorjahr auf die gewaltige Seebühne gewuchtet und ihre Zugkraft durch eine Latte an Hightech-Effekten noch gesteigert. Aus drei Türmen mit Drachenköpfen raucht und pfaucht es, dazwischen kraxeln Artisten, die auch auf der Bühneninsel darunter kämpfen können oder zu gleißender Pyrotechnik in den Bodensee hechten.

Spektakeloper

Und damit ist der Kostümglanz noch gar nicht erwähnt. Nach dem Grundsatz "Wer nicht funkelt, den gibt es nicht" schimmern drei überlebensgroße Damen auf metallischen Fantasy-Tieren; die drei Knaben wiederum, Puppen auch sie, wecken dezente Erinnerungen an einen gewissen Chucky, und das Gefolge des Weisheitspriesters Sarastro schillert, durchaus Mozart-authentisch, in Richtung altes Ägypten. Apropos Tradition: Es ist diesem gigantischen Gepränge kaum der Vorwurf zu machen, dass es deplatziert wäre - immerhin war die "Zauberflöte" seit jeher eine Spektakeloper. Und außerdem:
Es wäre nicht David Pountney, hätte er diesem Blendwerk nicht auch ein gewisses Maß an Anspruch eingeschrieben. Indem seine Regie den Sexismus des Sarastro-Klans auf die Spitze treibt, wird die Königin der Nacht rehabilitiert. Ihr, so hört man im (Video-)Testament des verblichenen Gemahls, wurde der entscheidende Teil ihres Erbes vorenthalten, nämlich ein Allmachtsinstrument namens Sonnenkreis. Als Frau ohnehin nur eine Spatzenhirnbesitzerin, solle sie sich Sarastro unterwerfen. Dessen Besonnenheit wird hier letztlich ebenso wenig obsiegen wie die Rache der Enterbten.

Ein echter Spaßvogel

In ihrem zweiten Jahr ist diese "Zauberflöte" nicht nur um einige Regie-Sperenzchen reicher. Die Premierensänger (gespielt wird in alternierender Besetzung) übertrumpfen die Leistungen des Vorjahres; ein Trumpfass ist der Papageno. Zwar wirkt Markus Brück anfangs ungefähr so motiviert wie ein Beamter am Frühpensionierungstag. Diese Trägheit aber ist eine bewusste und, im Verbund mit einem Batzen Naturschmäh und Klangkultur, die Basis für eine köstliche Darbietung. Ja, das ist schon ein glaubwürdiger Exponent der Neigungsgruppe Wein, Weib und Vogelhandel - auch wenn ihn sein "Kiddy Contest"-Kostüm (das Kalkül dahinter lautet wohl: Unterhaltung für die ganze Familie) denkbar zu verharmlosen sucht.

Als nächtliche Königin hat die US-Amerikanerin Kathryn Lewek zwar ihre Not mit der deutschen Sprache, doch ihre Koloraturen sind meist von astraler Leuchtkraft und die Attacken furios. Ein Qualitätsgewinn auch Bernarda Bobro: Diese Pamina verfügt nicht nur über eine markante Klangfarbe, sie lädt ihre Melodiebögen mit reichlich Innenspannung auf. Den Prinzen mimt, wie im Vorjahr, Norman Reinhardt. Ein Tamino von edler Emphase, gewiss - doch scheint dieser Stimme in hoher Lage schwindlig zu werden. Daneben orgelt Alfred Reiter den Sarastro mit sattem, doch waberndem Bass; Susanne Grosssteiner krächzt herzlich altweiberhaft, bevor sie als putzige Papagena einem Ei entschlüpft.

Und die Wiener Symphoniker? Ihr Sound dringt nicht mehr so dünn aus den Boxen wie im Vorjahr, von einer Mozart-Sternstunde ist man aber noch Lichtjahre entfernt: Dirigent Patrick Summers wickelt die Partitur rechtschaffen ab, ohne aus ihren Nuancen nennenswerten Lustgewinn zu schöpfen. Sei’s drum. Die erste Geige spielt hier die Bühne; und die bietet für einen ereignisreichen Abend allemal genug.