Bestandsaufnahme eines gefährdeten Lebens mit tragischem Ende: Johanna Wokalek, Marianne Crebassa und Vincent Le Texier in Marc-André Dalbavies Musiktheaterwerk "Charlotte Salomon". - © Festspiele/R. Walz
Bestandsaufnahme eines gefährdeten Lebens mit tragischem Ende: Johanna Wokalek, Marianne Crebassa und Vincent Le Texier in Marc-André Dalbavies Musiktheaterwerk "Charlotte Salomon". - © Festspiele/R. Walz

Eine glänzende Zukunft hat man ihr vorausgesagt. Ja, aus dieser Frau würde etwas werden, versicherte ihr der Liebhaber. Und so sollte es auch wirklich kommen. Die Malerei von Charlotte Salomon findet heute weltweit Beachtung; am Montag würdigte sogar eine Opernuraufführung der Salzburger Festspiele dieses uvre. Allein: Salomon ist längst tot.
Am 10. Oktober 1943 verschwand die jüdische Künstlerin hinter den Mauern von Auschwitz-Bir-kenau und ist wohl noch am
selben Tag ermordet worden. 26 war sie.

Eine Trümmer-Identität

Dieses Grauen ist nicht Teil der Salzburger Festspieloper. Es wird am Ende des Abends in nüchternen Lettern auf die Bühne projiziert. Doch auch das kann einen zu Tränen rühren, nachdem man diese kreative Überlebenskämpferin zwei Stunden lang kennengelernt hat - oder besser gesagt jenes Selbstbild, das sie im Klima einer aufgeheizten Kunstfantasie erzeugt hat.

Diese Fantasie ist ab 1940 aufs Äußerste gespannt. Salomon hatte nicht nur den Nazi-Horror zu gewärtigen, vor dem sie aus Berlin zu Verwandten nach Frankreich floh. Dort schockt sie die Familiengeschichte. Der Großvater erzählt, dass ihre Mutter nicht an Grippe starb, sondern aus dem Fenster gesprungen ist - und dass Selbstmord in der Familie kein Einzelfall sei.

Der Anlass der Enthüllung ist denkbar bitter. Verängstigt vom Frankreich-Feldzug der Nazis, will die Großmutter ihrem Leben ein Ende setzen. Salomon kann es nicht verhindern. Ihr eigenes Selbstbild liegt in Trümmern: Aus dem gutbürgerlichen Berlin hat sie nur einen Koffer voll retten können. Und nun erweist sich auch noch die Familienzugehörigkeit, auf die sie ihre Identität stützen könnte, als morscher Boden. Ist Salomon todgeweiht?

Sie flieht vom Lebensrand in die Kunst: In einem Schaffensrausch malt sie ab 1940 mehr als 1300 Gouachen. Rund 800 davon fügt sie zu dem Zyklus "Leben? oder Theater?", einem nicht nur gemalten Erinnerungswerk: Texte und Liederzitate auf den Blättern verknüpfen diese zu einer beziehungsreichen Erzählung. Eine tragende Rolle spielt dabei, was das innere Ohr von der Stiefmutter, der Sängerin Paula Lindberg, ins Exil mitgenommen hat. Nicht von Ungefähr nennt Salomon ihren Zyklus ein "Singespiel".

Dieses "Spiel" also hat der französische Komponist Marc-André Dalbavie auf die Opernbühne getragen. Man weiß, dass er sich damit auf heikles Gebiet wagt. Das Bemühen, Nazi-Gräuel aus dem Dunkel des Unvorstellbaren zu reißen, kann im Musiktheater zu einer Überdosis an Pathos verführen, dem sich eine kulinarische Dramatik ungut beimengt. Auch dosiertere Mittel erweisen sich nicht selten als untauglich. Ein brutaler Kurzauftritt von Nazi-Schergen - auch das sieht man an diesem an sich gelungenen Festspielabend - löst weniger Beklemmung aus denn die Erinnerung an ähnlich holzschnittartige Bühnenerlebnisse.