Absicht oder Zufall? Der Theaterabend in der Badener Sommerarena beginnt mit der üblichen Bitte, man möge die Mobiltelefone ausschalten, und endet mit dem Wunsch für "gute Unterhaltung!" Als Auftakt für Horváths "Geschichten aus dem Wiener Wald" klingt das ja ziemlich irritierend. Vielleicht aber wird damit verdeutlicht, dass mit diesem die Wiener Pseudogemütlichkeit gnadenlos entlarvenden Volksstück-Klassiker ein bewusster Kontrapunkt zur verführerischen Sommertheater-Operettenseligkeit gesetzt wird.

Mutig ist die Stückwahl allemal, sind doch "Die Geschichten aus dem Wiener Wald" seit einigen Jahren hierzulande geradezu omnipräsent: Im Akademietheater (2010), in der Josefstadt (2012), bei den heurigen Festwochen in Michael Thalheimers Meisterinszenierung und nun bei den Bregenzer Festspielen in der Opernfassung von Heinz Karl Gruber.

Birgit Doll geht es in ihrer Inszenierung, die ab Oktober am Landestheater in St. Pölten zu sehen sein wird, nicht  um eine radikale Horváth-Neudeutung, sondern sie vertraut auf die Ausdruckskraft von Horváths Sprache und eine ausgewogene Ensembleleistung. Die Sprache wird dabei zum psychischen Gewaltinstrument kommunikationsunfähiger Menschen, die mit ihren verletzenden Äußerungen geradezu genussvoll und selbstgerecht auf Schwachstellen zielen. Auch körpersprachlich geht es um die Wahrung des äußeren Scheins, physische Gewalt kommt ins Spiel, sobald die Sprache versagt. Und beim Heurigen blättert schließlich mit steigendem Alkoholpegel der Lack völlig ab.

Zwei Musikanten (Franz Haselsteiner, Hans Tschiritsch) sorgen zwischen den Bildern für einen manchmal gespenstisch anmutenden Sound. Das Gruselige hinter der wohlanständigen Kleinbürgerfassade wird überdies durch ein Totengerippe in Gestalt einer putzigen Marionettenfigur veranschaulicht.

Swintha Gersthofer ist eine zunächst kindlich wirkende Marianne, die vor dem ihr vorbestimmten Bräutigam – Wojo von Brouwer als Fleischermeister  Oskar – geradezu körperlich zurückschreckt und bei der Verlobungsfeier zum Entsetzen ihres Vaters (Michael Scherff als Zauberkönig) und der übrigen Festgäste spontan auf den Nichtsnutz Alfred (Dominic Oley) hereinfällt. Doch dieser beendet die Lebensgemeinschaft abrupt, sobald er nicht nur für Marianne, sondern auch noch für ein Kind sorgen soll. Lieber lässt er sich, wie schon früher, von der Trafikantin Valerie (Ulli Maier) aushalten, die ihm unmissverständlich zu verstehen gibt,  dass nur der- oder besser gesagt: diejenige anschafft, die zahlt.

Von Alfred verlassen und vom selbstmitleidigen Vater verstoßen, muss sich Marianne, die ja "nichts gelernt" hat, in zu  Tingel-Tangel-Etablissment als Tänzerin verdingen. Nicht einmal die Kirche spendet Trost, da ihr ein zelotischer Pfarrer (Helmut Wiesinger) die Absolution verweigert, weil sie nicht bereuen kann, ihr Kind "in Sünde geboren" zu haben. Der Kleine ist mittlerweile in der Wachau bei Alfreds Mutter (Christine Jirku) und Großmutter – Hilke Ruthner als schwarzes Schreckgespenst – in Pflege. Und hier kommt es auch zum grausamen Happyend: Als der endlich zur Einsicht gelangte Zauberkönig zusammen mit Marianne seinen Enkel besuchen möchte,  vermeldet die Großmutter mit geheucheltem Beileid triumphierend dessen – von ihr absichtlich verschuldeten – plötzlichen Tod. Für Oskar eine frohe Botschaft: Denn nun kann Marianne seiner "Liebe" nicht mehr entgehen.