Auf der Suche nach Normalität ist John - verkörpert vom Performer Hannes Langolf. - © Hugo Glendinning
Auf der Suche nach Normalität ist John - verkörpert vom Performer Hannes Langolf. - © Hugo Glendinning

John heißt er. Seine Kindheit ist ein schockierender Alptraum. Dass er mit zehn Jahren kurzzeitig vom Jugendamt abgeholt wird, ist dabei noch eine fast paradiesisch anmutende Anekdote. Er muss zusehen, wie sein gewalttätiger Vater seine schwangere Mutter so massiv tritt, dass sie ein Baby verliert. Und das gleich zweimal. Er erzählt von seinen Brüdern und seiner Schwester, die, weil sie für den Vater zu fett war, wochenlang in ihr Zimmer eingesperrt wurde und dass die Geschwister ein Loch in die Wand bohrten, um ihr Essen geben zu können. Oder dass sein Vater, als die Mutter im Spital ein Kind zur Welt brachte, den Babysitter vergewaltigte. Was sich abendfüllend anhört, sind gerade einmal die ersten zehn Minuten einer Performance des australischen Choreografen Lloyd Newson, die im Rahmen des Impulstanz-Festivals am Dienstag uraufgeführt wurde. "John" nennt er diese, wie seine Hauptperson mit ihrer unwetterschwangeren Biografie.

Ehrliche Interviews

Johns weiteres Leben bezeichnet man - kurz auf den Punkt gebracht - schlichtweg als heftig: Gefängnis (65 Delikte, 25 davon wurden bestraft), Obdachlosigkeit, Heroinabhängigkeit. Und dennoch entwickelt man Sympathien für diesen Mann. Undenkbar vielleicht, wenn man im Alltag dieser Person begegnen würde. Vor allem der Gedanke, dass all der gesprochene Text aus dem Leben realer Männer entliehen ist, lässt diese Performance als ungeschminkte Sozialstudie wirken: Newson hat dafür mit 50 Männern offensichtlich sehr ehrliche Interviews geführt und diese verwoben. Tabulos zeichnet er verbale Bilder, spricht ebenso offen über Themen wie Sex zwischen Homosexuellen, Kondomgebrauch und HIV-Infizierungen, ruft dabei auch zur Eigenverantwortlichkeit auf. John ist solch einer der Interviewten. Ein Mann, der, wie sich am Ende herausstellt, letztlich "nur" nach Liebe, Glück und Normalität sucht.

Um dies auf die Bühne zu bringen, sieht Choreograf Newson Theater und Tanz als gleichwertige und gleichberechtigte Partner an. "Verbatim dance-theatre" - also eine Fusion von gesprochenem Wort und Bewegungen - nennt er seinen Stil. Dem Rhythmus der Monologe oder deren Inhalt angepasst, ziehen und zerren, verhaken und verschlingen sich die Performer. Diese Verflechtungen wirken trotz der sichtbaren Anstrengung als natürlich wirkender Zusatz zum gesprochenen Wort. Die sieben Männer und zwei Frauen performen in Richtung Publikum, nur in den Bewegungssequenzen gehen sie aufeinander ein. Als John agiert der deutsche Performer Hannes Langolf, der gut zwei Drittel des Abends theatralisch und bewegungstechnisch mit beeindruckender Kraft und Charisma dominiert. Erst im letzten Drittel, in der Schwulensauna, stellt Newson verschiedene Charaktere als Besucher der Örtlichkeit in den Vordergrund.

Kühl und sachlich ist die Atmosphäre und auch der vorgetragene Text in britischem Englisch (mit Übertitelung in Deutsch). Also auch die Inszenierung: Eine Drehbühne mit mehreren Wänden und Türen wird während der 75-minütigen extrem konzentrierten Aufführung lautlos und mit minimalen Mitteln zu den verschiedensten Schauplätzen verwandelt: das Elternhaus, der Gerichtssaal, das Gefängnis oder die Schwulensauna. In der es übrigens heftig zur Sache geht. "Nicht unter 18 Jahren geeignet", heißt es. Ist tabuloser Umgang mit Sexualität, Aids, Drogen sowie der Aufruf zur Eigenverantwortung, und dies vermittelt mithilfe eines intellektuellen Tanztheaters, wirklich nicht jugendfrei?

Wh. bis 10. August