"Humor ist immer ein philosophischer Akt", sagt Günther Paal. Philipp Hutter
"Humor ist immer ein philosophischer Akt", sagt Günther Paal. Philipp Hutter

Wien. Kabarettist Günther Paal - der Gunkl heißt, seit sein Bruder "Günther" nicht unfallfrei aussprechen konnte - hat ein neues Programm. Die "Wiener Zeitung hat mit ihm über den darin enthaltenen "Stapel Anmerkungen" (so der Titel), die Veränderlichkeit der Sprache und unverständliche Unzufriedenheit gesprochen. Dazwischen blitzte immer wieder der Philosoph durch, wenn er etwa aus dem Stegreif minutenlang darüber dozierte, ob das Nichts transitiv oder intransitiv (einfach so vor sich hin) nichtet, warum der Satz "Ich denke, also bin ich" eigentlich ein Holler ist, oder ob Gott überhaupt tot sein kann.

"Wiener Zeitung": Ihr elftes Soloprogramm heißt "So Sachen - ein Stapel Anmerkungen". Wird das ein buntes Potpourri oder gibt es trotzdem einen roten Faden?

Eigentlich ist das elfte schon das zwölfte geschriebene Programm, denn für mein zweites gab es zwei Versionen, aus denen das Publikum jeweils wählen konnte. Das hat mir nur damals niemand geglaubt, deshalb hat es mir umso mehr Freude bereitet zu wissen, dass irgendwann einmal irgendwo zwei Leute einander treffen werden, die verschiedene Versionen davon gesehen haben.

Es gibt jedenfalls beim neuen Programm den Faden, der sich durch alle bisherigen gezogen hat, nämlich dieses: Jetzt schau ma mal, wie’s wirklich is, bevor wir anfangen uns aufzuplustern ohne genau zu wissen worüber. Es werden Kardinalpatschen aufgezeigt, es ist kein Luziprack mit Problemen des Alltags, sondern schon ein Draufdreschen oder Befunden der Grundlagen dieser Probleme.

Was sind die aktuellen Kardinalpatschen?

Zum Beispiel, dass Politiker sagen, sie müssen Vertrauen herstellen, und alle befinden das für gut. Falsch! Ein Politiker muss Vertrauen rechtfertigen. Vertrauen herstellen muss ein Heiratsschwindler, Betrug funktioniert nur, weil Vertrauen hergestellt worden ist. Und wenn sie glauben, dass die Tapete genügt und das Haus dahinter nicht wichtig ist, dann haben wir alle ein Problem. Das ist nur ein Beispiel dafür, wie viele Patschen wir Menschen uns selber stechen aus einer Denkfaulheit einerseits und einem Herdenkuscheltrieb andererseits.

Viele bezeichnen Sie als Österreichs philosophischsten und intellektuellsten Kabarettisten . . .

Im Grunde ist jeder Kabarettist ein Philosoph, weil er sich die Welt anschaut und den Spalt zwischen "Soll" und "Ist" markiert. Nur in diesem Spalt existiert Humor. Und angesichts eines "Ist" gilt es ein "Soll" zu formulieren und die Aspekte von "Ist" mit den Aspekten von "Soll" in Einklang zu bringen über diese nichtvorhandene Brücke, sodass es jeder versteht. Humor ist ein philosophischer Akt.

Haben Sie nicht manchmal Angst, dass die Leute nicht mitkommen?

Ich gestalte meine Programme grundsätzlich so, dass wer an manchen Stellen jetzt grad nicht dabei ist, das nachher erklärt bekommt. Man muss aber schon dabei sein, deshalb spiele ich auch keine Firmenfeiern, weil ich will, dass jeder, der da ist, auch weiß, warum er da ist. Und es empfiehlt sich, nüchtern zu kommen und über die Pause hinweg zu bleiben.

Was sagen Sie als Sprachartist zum Binnen-I?

Ist in Ordnung. Solange es auf der Gynäkologie Patientenblätter gibt und das nicht geregelt ist... Wie leben Frauen damit, immer der Sonderfall zum Gegebenen zu sein? Männlich ist die Stammform, die natürliche Vorkommensform, und dann muss man beim Weiblichen was drauf tun.

Ist das überhaupt noch zu ändern?

Das geht ganz einfach. Ich habe gehört, dass es im Finnischen nicht Schneiderin - als Sonderfall eines Schneiders - heißt, sondern Schneidin. Sprache ist ja kein Trumm, das ewig in der Welt steht, ehern, festgegossen, eingemauert, stramm und unveränderlich. Sprache lebt immer vom Sprachgebrauch. Man sollte halt möglichst viel über die eigene Sprache wissen und auch die verschiedenen Formen beherrschen. Es ist halt blöd, wenn man nur das SMS-Deutsch kann und damit eine Bewerbung abfassen will. Aber zu sagen, die Sprache geht vor die Hunde... Nein! Bei 140 Zeichen musst du ja auch sehr kreativ sein. "ICU" ist viel kürzer als "Auf Wiedersehen", und es wird verstanden. Und es trägt auch zu einer gewissen Gruppenstatuierung bei, indem man sich auf einen gemeinsamen Code geeinigt hat und dem anderen zu verstehen gibt, dass man ihn als ein Mitglied dieser Gruppe, die diesen Code bedient, akzeptiert.

Die Sprache kann immer wieder verändert werden. Zum Beispiel sind die letzten Leute, die noch "Thür", "Thor" und "Keyser" geschrieben haben, erst vor zwanzig Jahren gestorben. Es besteht also noch Hoffnung, dass die Frauen zum gleichberechtigten Normalfall werden.

Sprache funktioniert übrigens, weil Laute in einer gewissen Konfiguration mit einer Bedeutung aufgeladen sind, die genau das heißt und nicht "so eine Art schon irgendwie viel alles weißt eh". Da könnte man sich gleich sozial lausen und sich angurren. Sprache besteht also nur, indem es Grenzen gibt in der Bedeutung der verschiedenen Vokabel, mit Regeln, die in "nicht" und "schon" bestehen, das geht und das geht nicht. Insofern sind Strukturen wesentlich an Grenzen gebunden, deswegen sind mir Grenzen grundsätzlich sympathisch und sollten es jedem sein, einmal als Idee, dass man zwischen "nicht" und "schon" unterscheidet und daher weiß, woher das kommt, dass es da anfängt und ab da was anderes ist. Nur so können wir leben. Die erste Zelle hat schon ein Innen und Außen gehabt, das ist der Ursprung des Lebens. Aber das heißt natürlich nicht, dass man Grenzen immer mutwillig blöd mit Waffengewalt verteidigen muss, und es heißt schon gar nicht, dass auf der einen Seite das Gute ist und auf der anderen Seite das Schlechte, das man ruinieren muss. Sondern anders ist halt anders. Und die Mutmaßung, dass wir alles über einen Gut-Schlecht-Kamm scheren dürfen, haben wir uns aus’m Oasch gezaubert.