Perfekte Travestie, pointiertes Frauen-Quartett: Stefanie Reinsperger, Dorothee Hartinger, Catrin Striebeck und Frida-Lovisa Hamann kämpfen im Dschungel des Hindukusch. - © Reinhard Werner
Perfekte Travestie, pointiertes Frauen-Quartett: Stefanie Reinsperger, Dorothee Hartinger, Catrin Striebeck und Frida-Lovisa Hamann kämpfen im Dschungel des Hindukusch. - © Reinhard Werner

"Der Mensch ist ein bösartiges Tier", schrieb Joseph Conrad in der Erzählung "Herz der Finsternis" (1889): "Man ist verloren, während man noch ruft ‚Ich bin gerettet!‘" Zu defätistischem Grundtenor tendiert auch der deutsche Dramatiker Wolfram Lotz in seinem neuen Stück, in dem sich zwar das Motiv der Flussfahrt als Reise zum Urgrund des Bösen aus dem Conrad-Text findet - der überwiegende Rest aber ins Anarchistisch-Durchgeknallte gewendet ist: "Die lächerliche Finsternis".

Conrads animalischer Alptraum verwandelt sich unter Lotz’ Zugriff zu bizarrer Eulenspiegelei. Bei der Uraufführung im Akademietheater unterstreicht Regisseur und Bühnenbildner Dušan David Pařizek außerdem die absurden Aspekte: Die Bühnenfiguren - Soldaten, Piraten, Haudegen und "Eingeborene" - sind weiblich besetzt. Die Travestie erweist sich als überaus effektvoll und verhilft der zweistündigen Aufführung zu gewitzten szenischen Übersetzungen. Sublimität ist ihre Sache indes nicht.

Im Reich des Bösen


Catrin Striebeck führt als eine Art Erzähler durch die krude Handlung - und stellt in schnittigem Hosenanzug, mit aufgeklebtem Menjoubart und umgeschnallter Schusswaffe den wohl abgefeimtesten Hauptfeldwebel in der Geschichte des Militarismus dar. Den italienischen Offizier, der in Afghanistan offenbar den Verstand verloren hat, parodiert Dorothee Hartinger punktgenau, gewissermaßen treffsicher wie eine Präzisionswaffe. In italienisch-deutschem Singsang beklagt sie sich allen Ernstes, dass die "Wilden" immer im Stehen pinkelten: "Es ist ein Irrsinn." Frida-Lovisa Hamann komplettiert als biederer Unteroffizier Stefan Dorsch neben Wien-Debütantin Stefanie Reinsperger das Frauen-Quartett.
Reinsperger ist die Entdeckung des Abends. Die 26-jährige Niederösterreicherin und Reinhardt-Absolventin entfaltet eine beeindruckende schauspielerische Bandbreite. Sie überzeugt in der Rolle eines sprechenden Papageis ebenso wie als serbischer Händler, der das traurige Schicksal seiner Familie zum Geschäftemachen missbraucht. Reinspergers Paradeauftritt ist aber der somalische Pirat. Auf Wienerisch erzählt die Akteurin ausführlich aus dem Leben eines heutigen Seeräubers; da es dem jugendlichen Gesetzesbrecher offenbar "Blunzn" gewesen sei, was aus ihm werde, habe es ihn eben an die Hochschule für Piraterie nach Mogadischu verschlagen. Blöd nur, dass ihn der erste Schritt in die Berufspraxis vor das Landesgericht Hamburg brachte.

Conrads Erzählung spielt im Kongo; Francis Ford Coppolas filmische Adaption des Stoffs transferierte die Handlung in den Vietnamkrieg und betonte den Vorgang des Untergangs: "Apocalypse Now" (1979). Lotz’ Stück dagegen ist in Afghanistan angesiedelt, als Reise in das Innere des Hindukusch.

Der Gebirgszug wird innerhalb weniger Sätze zu einem "dunklen, langsam fließenden Strom." Das auf den ersten Blick Unmögliche auf der Bühne einzufordern - eben eine Flussfahrt durch den Hindukusch -, gehört zu den Wesensmerkmalen von Lotz’ Dramen. Gerade im Postulieren des scheinbar Unspielbaren liegt seine Stärke. In "Die lächerliche Finsternis" mischt er zudem Conrads Kolonialkritik mit Coppolas Anti-Kriegshaltung - und spinnt draus eine launig-mäandernde Anklage gegen den neoliberal-globalen Irrsinn.

Kein blutleeres Vortragstheater entsteht daraus. Die Spielfreude des vierköpfigen Ensembles hält den Abend in Schwebe, selbst die Geräuschkulisse des Urwalds erzeugen die Schauspielerinnen selbst, benützen dafür Wasserflaschen und Kübel.

Die Zivilisation ist auf der Bühne des Akademietheaters vom Reich des Bösen durch eine dünne Bretterwand getrennt. Im Lauf des Abends stürzt diese ein und wird während 20-minütiger Pause von den Akteurinnen auf offener Bühne maschinell zu Sägespänen verkleinert. Holz- und Zivilisationsvernichtung als szenische Welterschaffung. Welch ein Wurf.

Theater

Die lächerliche Finsternis

Von Wolfram Lotz

Akademietheater

Wh. 15., 16., 28. Sept