Revue ohne Glamour mit Hilde Dalik. - © Erich Reismann
Revue ohne Glamour mit Hilde Dalik. - © Erich Reismann

Anlässlich seines 70. Geburtstags legt Peter Turrini auf der Bühne des Josefstädter Theaters seine Lebensbilanz vor: In einer 92 Nummern umfassenden, als "Revue" bezeichneten Abfolge von Gedichten, Auszügen aus Interviews, Essays, Briefen, Tagebuchauszügen und vielem mehr. Doch diese Revue täuscht keine Glamour- und Glitzerwelt vor, sondern kehrt gewissermaßen zu den Ursprüngen des Genres zurück, als man im späten 19. Jahrhundert in den Pariser Cafés Chantants zum Jahreswechsel in kurzen Sketchs herausragende Ereignisse des vergangenen Jahres noch einmal ins Gedächtnis rief.

Eine Dichter-Werkstatt


Turrinis biografische Revue gibt Einblick in die Werkstatt eines Dichters (Bühne: Miriam Busch): Vollgestopfte Bücherregale, Aktenordner, Manuskripte, dazwischen Erinnerungsstücke wie ein Asterix-Figürchen oder ein Totenschädel - vielleicht ein Memento mori, vielleicht aber auch Requisit bei der Aufnahmeprüfung ins Reinhardt-Seminar, als Turrini - mit "leichtem Kärntner Akzent" - die gestrenge Kommission als Hamlet beeindrucken wollte. Präsentiert werden die als Nummern angesagten Texte in Stephanie Mohrs unaufdringlicher, von Wolfgang Schlögl musikalisch begleiteter Inszenierung von Hilde Dalik, Marcello De Nardo, Thomas Mraz, Erich Schleyer und Susanna Wiegand, denen Kostümbildner Alfred Mayerhofer unauffällige schwarze Anzüge verpasst hat.

Die Rückschau, die sich Turrini verordnet, ist alles andere als eine geschönte Selbstbespiegelung, sondern, so Silke Hassler, die Lebenspartnerin des Dichters, "der Höllenritt eines Künstlers zwischen Triumph und Niederlage, Euphorie und Depression, Demütigung und Glückseligkeit". Prägende Kindheitserfahrungen wirken immer noch nach: Als Sohn eines Italieners wird der - noch dazu unsportliche - "dicke Tischlerbub" von der Kärntner Dorfgemeinschaft als Außenseiter abgestempelt, vereinsamt zusehends, entdeckt aber bereits in der Volksschule seine Begabung fürs Aufsatzschreiben und verfasst in der Folge alsbald eine Vielzahl eigener Texte.

Den in Pubertätsnöte geratenen Heranwachsenden nimmt dann der als Avantgarde-Mäzen verdienstvolle Komponist Gerhard Lampersberg unter seine Fittiche: Am Tonhof in Saal, in den 50er Jahren so etwas wie eine Künstlerkolonie, bewundert der Jungautor schüchtern und voll Ehrfurcht Nachwuchsschriftsteller wie Thomas Bernhard oder H. C. Artmann, die gerade dabei sind, sich einen Namen zu machen.

Mit dem Ausbruch aus der engen Welt des Dorfes beginnt für Turrini eine Zeit der Hoffnung und des Suchens, aber auch der Verunsicherung, bis er schließlich mit "Rozznjogd" (Volkstheater 1971) den Durchbruch als Dramatiker schafft, sich aber mit dem auf einer Müllhalde spielenden Stück den Ruf eines Skandale provozierenden Bürgerschrecks einhandelte. Auch im Verlauf seiner steil ansteigenden Karriere wird der sensible Gerechtigkeitsfanatiker Turrini immer wieder von Selbstzweifeln eingeholt und stellt sich mit bewundernswerter Aufrichtigkeit so manchen Grundsatzfragen der menschlichen Existenz. Allerdings niemals pathetisch, sondern mit stets durchschimmernder Selbstironie - bis hin zur Überlegung, dass das Leben irgendwann einmal zu Ende sein wird.

Außerhalb der Norm


Freilich lässt sich darüber diskutieren, ob die Text-Collage einer Bühnen-Realisierung bedarf. An der Josefstadt, wo Peter Turrini seit einigen Jahren seine "künstlerische Heimat" gefunden hat, war es jedenfalls ein Theaterabend außerhalb der Norm und eine Feierstunde für Peter Turrini. Nachzulesen sind die Texte in dem soeben bei Amalthea erschienenen Band "C’est la vie . . . Ein Lebens-Lauf". Und als weiterführende Lektüre bietet sich auch noch das bestens gestaltete Programmheft an.