Graz. "I prefer not to do." Mit diesem schlichten Satz lehnt Hermann Melvilles Bartleby das scheinbar Selbstverständliche ab, die eigentlich ganz normalen Ansinnen seines Arbeitgebers. "I prefer not to . . . share" ist heuer Motto beim steirischen herbst in Graz und in vielen Orten der Steiermark.

Im Konzert quasi Musik unter Gleichgesinnten teilen, ist vielleicht das Selbstverständlichste überhaupt. In den ersten Tagen des steirischen herbst, der heute Freitag in Graz beginnt, ist das gar nicht so. Da wird nämlich jeweils nur ein Hörer dem Pianisten Marino Formenti gegenübersitzen. Gut 60 Auserwählte kommen in diesen Genuss. Der Pianist, der schon öfters musizierend herkömmliche Konzertformate hinterfragt hat (für "nowhere" spielte er 2010 acht Tage lang in Graz durch, vor Lauf- und Bleibe-Kundschaft), wird viele, viele Noten in einem Regal parat halten, und man wird sich von ihm sein "Wunschprogramm" erbitten oder es mit ihm aushandeln dürfen . . . Dazu muss man freilich aus der Landeshauptstadt in die Provinz fahren, nach Bad Radkersburg, Wildon, Stainz oder Bad Gleichenberg.

"Vielstimmiges" Programm


Teilen ist heuer eben angesagt, und der steirische herbst teilt heuer intensiver mit Orten im weiteren Umland als sonst. Wenn - in drei Wochen, am 17. Oktober, also am Ende des Festivals - der ungarische Theatermann Arpád Schilling mit seiner Gruppe "Krétakör" sein Stück "A Párt - Die Partei - The Party" aus der Taufe hebt, dann potenziert sich das Teilen: Freie Gruppen wie diese haben in Ungarn ganz schlechte Karten, was Förderung betrifft - und wenn einer dann unmissverständlich die politische Gegenwart Ungarns ins Visier nimmt, ist er fast zwangsläufig auf die Unterstützung von außen angewiesen. Der steirische herbst mache da also etwas möglich, das sonst nie und nimmer zustande käme, heißt es. Auch in diesem Fall wird auch wieder geografisch geteilt: Bad Gleichenberg ist Ort der Aufführungen von Schillings "A Pàrt".

Herbst-Leiterin Veronika Kaup-Hasler spricht manche Paradoxa an in ihrem, wie sie im Vorwort schreibt, "vielstimmigen" Programm: Auf der einen Seite klafft die Wohlstandsschere immer weiter auseinander, auf der anderen ist das "share", in Social Media, beinah schon zum gesellschaftlichen Zwang geworden. "Das Nicht-Teilen ist im digitalen Heute nicht mehr vorgesehen", sagt Kaup-Hasler. Aber wenn das Teilen real wird, ist sich doch ein jeder selbst der Nächste . . .

Turbulenter Start


Aber zuerst wird’s einmal schön gemeinsam turbulent: "All Tomorrow’s Parties" heizt heute Abend die legendäre Needcompany unter Jan Lauwers und Grace Ellen Barkey ein: in der Listhalle, mit Einbindung lokaler Künstler. Da ist wohl Hintersinn mit einem guten Schuss Frivolität zu erwarten. Ganz anders (ebenfalls am Eröffnungswochenende) vermutlich die Performerin Maria Hassabi, die für "Premiere" fünf Menschen in Ultra-Langsamkeit auf die Bühne schickt. Da soll Theater quasi mit Bildender Kunst verschwimmen. Die in den USA lebende Zypriotin war 2013 Teilnehmerin bei der Biennale in Venedig.

Als Festivalzentrum dient ein Barockgebäude, das Grazer bis vor kurzen vor allem in Führerschein- und Reisepass-Angelegenheiten betreten haben - die Bundespolizeidirektion in der Paulustorstraße. Innenstadt, aber doch ein wenig abseits. Um den eng am Schlossberg-Abhang ein wenig eigenwillig anmutenden Protz-Barock haben das Künstlertrio Supersterz und das Architekturbüro .tmp eine Art Wellblechwand gezogen, einem Bauzaun nicht unähnlich. Dort ist auch die große Herbst-Ausstellung untergebracht, "Forms of Distancing. Repräsentative Politik und die Politik der Repräsentation", kuratiert von Luigi Fassi und Stefano Collicelli Cagol. Sie will eine seltene Tugend ins Bewusstsein rücken: das Abstandnehmen, das Verzichten darauf, zu allem und jedem augenblicklich Stellung zu beziehen - "und dadurch dem unabhängigen Denken mehr Platz einzuräumen". Gut, wenn das wenigstens ansatzweise funktionieren würde.