Schauspielhaus-Neuzugang Charlotte Müller. - © Alexi Pelekanos
Schauspielhaus-Neuzugang Charlotte Müller. - © Alexi Pelekanos

Sie leben auf derselben Erde, dennoch trennen sie Welten. Auf der einen Seite der Bühne liefern sich Ralf und Ricarda während eines Badeurlaubs am Meer routinierte Beziehungsgefechte. "Wir sind hier, um uns zu erholen. - Von was denn?" Es ist der Leerlauf des saturierten Wohlstands, dekadenter Ennui voll Larmoyanz und Antriebslosigkeit. Auf der anderen Seite kauert am äußersten Bühnenrand Lou. Sie war Müllsammlerin, ihren Mann verlor sie bei einem Raketenangriff, nun ist sie auf der Flucht aus dem elenden Kriegsgebiet ins reiche Europa. Sie ist eine von Tausenden, die mit einem kleinen Boot aufs weite Meer hinausgeschickt werden.

Die zwei parallel verlaufenden Reisen führt die Autorin Anja Hilling in ihrem jüngsten Stück "Sinfonie des sonnigen Tages" zusammen. Mit der Uraufführung des Auftragswerks eröffnet das Wiener Schauspielhaus die Saison. Auch wenn die knapp 80-minütige Inszenierung von Regisseurin Felicitas Brucker nicht rundweg geglückt sein mag, verhandelt der Theaterabend mit dem Zusammenprall von Erster und Dritter Welt ein hochpolitisches Thema und berührt ein unbequemes Gefühl: Wie lässt sich ein erfülltes Leben führen, angesichts weltweiter Katastrophen und globalen Elends?

Artifizielle Lou


Hier wie dort ist die Welt grau und kahl. Ausstatterin Viva Schudt hat die Bühne im Schauspielhaus leer geräumt, im Hintergrund eine Faltwand aus Blech, eine undurchdringliche Wand, die sich nicht öffnet, selbst wenn Lou mit ganzer Kraft dagegentritt. Schauspielhaus-Neuzugang Charlotte Müller verkörpert die "umständliche Heldin" Lou mit beeindruckender Präsenz. Ihr Gesicht ist grellweiß geschminkt, die Augen mit Kontaktlinsen nachtschwarz gefärbt, eine übergroße Anzugsjacke in schwarz und ein rotes Oberteil komplettieren ihre äußerst artifizielle Erscheinung. Franziska Hackl und Thiemo Strutzenberger sind mit kurzen Hosen, T-Shirts und Sandalen konventioneller ausgestattet (Kostüme: Henriette Müller).

"Sinfonie des sonnigen Tages" ist weder Flüchtlings- noch Beziehungsdrama und vermeidet platten Realismus. Hilling, 39, eine der erfolgreichsten Dramatikerinnen ihrer Generation, hat vielmehr ein formal höchst anspruchsvolles Stück vorgelegt: Die Handlung ereignet sich an einem Tag, wobei sich der Hauptteil in der Nacht abspielt. Laut Programmheft orientierte sich die deutsche Autorin bei Struktur und Aufbau an Beethovens Neunter Sinfonie. Im Schauspielhaus haben nun die deutschen Elektro-Avantgardisten "Mouse on Mars" die Bühnenmusikkomponiert.Derpolyrhythmisch pulsierende Klangteppich bildet einen gelungenen Kontrapunkt zum mitunter etwas pathetischen Text. Thomas Mahmoud steuert von einem erhöhten DJ-Pult die Musik und gibt den Erzähler als Rapper.

Auffallend an Hillings Umgang mit Sprache ist, dass sie die gegenläufigen Schicksale mit unterschiedlichem Sprachvermögen ausstattet. Flüchtling Lou schildert ihren Lebenskampf - gleich einer griechischen Tragödin - mit sprachmächtiger Poesie, verglichen mit Lous Wortgewalt herrscht beim europäischen Paar mit verknappt-nüchternen Sätzen geradezu Spracharmut.

Diese Charaktere zu verlebendigen ist kein leichtes Unterfangen, da es kaum Dialoge oder szenisch leicht verwertbares Material gibt. Im Lauf des Abends wird es daher zunehmend schwierig, den Figuren zu folgen, vor allem der Epilog versinkt sprichwörtlich im Nebel: Die Schauspieler, verdeckt von Nebelschwaden, rattern Textpassagen runter, deren Sinnzusammenhang kaum mehr zu erfassen ist, die Musik wabert. Der beklemmenden Aktualität des Stücks tut dies indes keinen Abbruch.

Theater

Sinfonie des sonnigen Tages

Von Anja Hilling

Felicitas Brucker (Regie)

Schauspielhaus

Wh.: 4., 5., 21., 22. Oktober