Auch Papier ist bei Boris Charmatz essbar. - © Boris Brussey
Auch Papier ist bei Boris Charmatz essbar. - © Boris Brussey

Eigentlich ist es eine Banalität. Für manche ein Akt, um anspruchslos ihren Körper Energie zu geben. Andere wiederum widmen ihr ihr ganzes Sein - freiwillig und auch unfreiwillig, ob Job oder Sucht: die menschliche Nahrungsaufnahme, ein gewöhnlicher Akt des Alltags. Dem sich performativ jedoch erst der französische Choreograf Boris Charmatz gewidmet hat. Mit seiner jüngsten Inszenierung "manger" - also "essen" - ist er zurzeit zu Gast beim steirischen herbst und liefert einmal mehr einen Beweis seines bemerkenswerten Schaffens in der Szene des modernen Tanztheaters.

Alles in den Mund stopfen


Da stehen sie nun: 14 Performer in Alltagskleidung - Jeans, T-Shirts oder auch im schwarzen Kleid mit Turnschuhen sowie barfuß. Sie können physiognomisch betrachtet nicht unterschiedlicher sein. Sie schauen sich in der Gegend um, betrachten das Publikum. Die Bühne der Helmut-List-Halle ist komplett kahl, nur ein paar Neonröhren und Mikrophone hängen von der Decke. Das Licht im Zuschauerraum bleibt an. Charmatz vermittelt von Anfang an, dass wir alle gemeint sind, dass seine nachfolgenden Darstellungen der Nahrungsaufnahme uns alle betreffen. Einer der Performer beginnt, sich Esspapier in den Mund zu stopfen, einer nach dem anderen folgt seinem Vorbild. Es knirscht und quietscht, ein unangenehmes Geräusch, das Gänsehaut verursacht. Während sie so vor sich hin mampfen, fangen die Performer zu singen an - äußerst melodisch. Ihre Stimmen begleiten durch die 70-minütige Performance: Zuerst scheint es ein Klagelied, dann ein Aufruf, später ein Gebet. Auch Schimpfwörter wie "merde" sind zwischendurch zu hören. Bald gehen sie gekrümmt in alle nur möglichen Richtungen zu Boden, geschüttelt von heftigen Atemstößen.

Der Spiegel der Gesellschaft


Das große Mampfen geht auch horizontal weiter. Herhalten muss alles, was man nur in die Finger bekommt: Haare ebenso wie Nasen, Zähen, Waden, Lippen und noch vieles mehr. Es wird an sich selbst herumgekaut. Scheinbar wird manchen danach übel, sie zucken und halten sich den Bauch, bis es hinten wieder rauskommt. Dazwischen würgt auch schon mal ein Performer sein Esspapier wieder herauf, um es dann wieder in den Mund zu stopfen. Dazwischen entwickeln sich auch Duette, in denen man einander, am Boden wuzelnd, füttert. Und es wird immer weiter gemampft, nie innegehalten. Charmatz vergisst auch nicht die unterschiedlichen Typen von Essern auf dem Tablett zu präsentieren: Vom genussvollen Schmauser bis zum Bulimiker sind sie alle zu beobachten.

Charmatz ist bekannt für seine performativen Gesellschaftskritiken und diesmal gelingt es ihm, den Zuschauern einen Spiegel vorzuhalten: Denn irgendwann während dieser Performance erkennt man sein eigenes Essverhalten. Und vielleicht wird einem klar, dass es an der Zeit wäre, schlicht nicht gedanken- und kritiklos zu essen, was einem aufgetischt wird. Die Performance besteht aus essen, singen, würgen, zucken und verfehlt aber trotz dieser einfachen Aktionen nicht ihre Wirkung.

Performance

manger

Von Boris Charmatz (Choreogr.)

Helmut-List-Halle im Rahmen von "steirischer herbst"