Endstation Eigenverantwortung. Da saßen sie nun, die Bürger der mykenischen Hauptstadt Argos, ertrugen das vom eigenen Gewissen (Freunde der Antike erinnern sich an die Erinnyen) angetrieben lautstarke Lamentieren des Muttermörders Orest. Frauenchor, eingespielte Todesschreie von Mama Klytämnestra (die war, ja nicht ganz unschuldig an der Situation), eine mordlüsterne Schwester Elektra.

Nein, lustig war in den achtzig durchgehend entsetzlichen Minuten nichts. Dafür, oder gerade deshalb, erreichte die Besucher der Neuen Oper Wien im Museumsquartier entsetzlich gutes Musiktheater. Todes- und Gefühlsspannung pur war bei der österreichischen Erstaufführung zu Manfred Trojahns Musiktheater in sechs Szenen "Orest" aus dem Jahr 2011 (uraufgeführt 2012 in Amsterdam) angesagt. Der deutsche Komponist hat die Geschichte des Euripides vom Sühne suchenden Mörder geschickt zu einer modernen, die klassischen Dramengrundsätze befolgenden Geschichte über das bewusste Umgehen mit Verantwortung gearbeitet. Das fein artikulierte Libretto stammt von Trojahn selbst. Schlicht gegenwärtig-zeitlos, schlüssig und in Personenregie solide die Inszenierung von Philipp Krenn, Ausstattung Nikolaus Webern.

Apoll erfreut das Leid


Hier stand Orest seiner Tat reflektierend gegenüber - Titeldarsteller Klemens Sander verkörperte einen mit sich kämpfenden Antihelden, sein facettenreicher Bariton deckte das gesamte Spektrum bestens ab. Jolene McClelands Elektra trieb den Bruder mit ihrem unbedingten Wunsch nach Vergeltung voran. Immense Kontrollsituationen wurden offenbar. Da konnte kein Onkel Menelaos dagegen an (super jämmerlich: Dan Chamandy), ebenso wenig die todgeweihte Tante Helena (wärmendes Timbre: Jennifer Davidson). Und Gott Apoll (Gernot Heinrich) entschuldigte nichts, sondern machte sich einen Spaß aus dem Leid des Täters. Erst das zarte Soprangemüt Hermiones (Avelyn Francis) holte Orest mit einfachem Blick auf den Boden der Selbstbestimmung zurück.

Wunderbar kantable Momente, Kantilenen in den Bläser wurden von beinharten Dissonanzen (zeitweilig den klassischen Dialog Protagonist-Chor widerspiegelnd) abgelöst. Über allem die herrlich ausgefeilte Instrumentierung. Gewaltig groß, episch breit waren das Orchester der Neuen Oper Wien und der Wiener Kammerchor unter der profunden Leitung von Walter Kobéra zu erleben. Hingehen!

Oper

Orest

Von Manfred Trojahn

Museumsquartier