Wenn Klassik rockt: Stargeiger David Garrett in Action. - © APA/HERBERT P. OCZERET
Wenn Klassik rockt: Stargeiger David Garrett in Action. - © APA/HERBERT P. OCZERET

"Es ist etwas Neues, Crossover so zu präsentieren, dass es nicht nur als quasi rein kommerzielle Notlösung eine Nische zwischen Klassik und Pop bedient, sondern dass Crossover als etwas qualitativ Hochwertiges und Eigenständiges wahrgenommen wird", schreibt David Garrett im Programmheft seiner aktuellen Tour, die ihn am Samstagabend in die Wiener Stadthalle geführt hat. Freilich, dass er bei gewohnt vollem Haus kommerziell sehr erfolgreich mit seinem Fifty-Fifty-Programm aus Klassik und Rock/Pop, sei dahingestellt. Was die Durchmischung und Wiederbelebung der Klassik betrifft, so ist er auch hier erfolgreich.

Und so hangelt sich David Garrett zwischen den Genres durch den Abend, immer darauf bedacht, nicht zu viel vom einen und vom anderen auf einmal zu spielen, schließlich ist es ja Crossover. Aber allein schon seine Stradivari aus dem Jahr 1716 (wie kann man ein fast 300 Jahre altes Instrument nur so hemmungslos malträtieren?) sorgt selbst bei Miley Cyrus' "Wrecking Ball" oder Bon Jovis "Livin' on a Prayer" für den notwendigen Sound. Und umgekehrt peppt er zum Beispiel das russische Volkslied "Babuschka" dermaßen auf, dass es fast schon House-mäßig daherkommt. Und Bruce Springsteens "Born in the USA" wird ganz originell gepaddlet. Natürlich darf beim Teufelsgeiger, dessen Image er spätestens seit der Paganini-Verfilmung (auch dazu gibt es Passendes zu hören) trägt, auch nicht Richard Strauss' Klassiker "Also sprach Zarathustra" (gleich einmal als theatralischer Opener) fehlen. Und auch sonst gibt es auch einiges an sortenreiner Klassik zu hören, bloß wäre es eben nicht David Garrett, würde er nicht auch die so interpretieren, dass sie mehr nach 21. als nach 18. Jahrhundert klingt.

Das Wesen des Musikkritikers ist es ja an sich, dass er immer nach dem berühmten Haar in der Suppe sucht. Haare - sogar recht lange - findet man bei David Garrett viele, nur nicht in der Suppe. Außer vielleicht einen zu großen Hang zu exzessiver Pyrotechnik, die seine Bühnenshow mehr stört als ergänzt, und die ein Virtuose wie er überhaupt nicht notwendig hat. Und man fragt sich letztlich auch, ob neben fünf Bandmusikern und einem ganzen Orchester der Neuen Philharmonie Frankfurt wirklich auch noch vier Tänzerinnen und zwei Tänzer über die Bühne hüpfen müssen. Wieder eine optische Ablenkung, die sich der Aachener ersparen hätte können.

Doch das ist Pipifax angesichts des großen Ganzen, das am Ende des Abends als Fazit steht: Der Bildungsauftrag wurde erfüllt, die Liebhaber moderner Geigenkunst sind voll auf ihre Rechnung gekommen, und die Klassik hat vielleicht ab heute tatsächlich ein paar Fans mehr.