"Was es bedeutet baden zu gehen". Wer den Stücktitel der jüngsten Uraufführung im Wiener Schauspielhaus verstehen will, bleibt alleingelassen. Als der heute 24-jährige Berliner Regiestudent Bastian Sistig vor zwei Jahren einen Preis im Nachwuchsbewerb desselben Hauses gewann, hieß sein Entwurf, der neuen Mode der Endlostitel folgend, erhellend apokalyptisch "Was es bedeutet baden zu gehen ist gar nicht so einfach zu sagen, wenn überall die Menschen ins Wasser laufen, um sich umzubringen".

Die nun in Kürze verheißene Antwort wird allenfalls Soziologieseminare begeistern – als Illustrationsmaterial zum Thema "Generation Y". Das sind in Westeuropa und den USA die Geburtsjahrgänge 1977 bis 1998. Was der "Gen X" davor noch fehlte und erst erobert werden musste, fiel der "Gen Y" schon in den Schoss. Gebildet, zuversichtlich und urban nutzt sie neue Freiheiten, spürt aber auch neuen Anpassungsdruck. Nur nicht als spießig gelten, keine Altpartei wählen, keinen Event versäumen! Auch bei den Rotweinen soll man sich auskennen. Im Berufsleben ist der Y-Kollege hemdsärmeliger Karrierist. Dieser stark akademisierte neue Mittelstand wurde oft schon in Büchern, "Tatort"-Krimis und Bühnenstücken durchgehechelt, seine Abbilder erstarrten schon zu Klischees.

Sistig hat ein wissenschaftliches Ohr für die Sprache der auch "Millennials" genannten Teenies der Neunziger- und Nullerjahre und für die Befindlichkeiten dahinter. Doch mehr als das eilfertige "Wir verstehen die Zeit"-Edelfeuilleton verrät seine finanzwirtschaftlich aufgemotzte ("Multi-Asset-Heston-Modell") Kunstform nicht. Auskunftspersonen in seiner Typenschausammlung: Dozent für Sozialanthropologie, Volkswirtin, Museumspädagogin (arbeitslos), Werbedesigner (arbeitslos). In dieses starre Wohnzimmerschlacht-Aggregat kommt erst ein wenig Bewegung mit dem Verdacht, Ehemann 1 könnte die Ehefrau 2 geschwängert haben. Billige Muttifilm-Dramaturgie.

Kein Esstisch, kein Sitzmöbel. Vor einer kahlen Wand markieren Steffen Höld und Myriam Schröder als Gastgeber, Barbara Horvath und Simon Zagermann als Gäste mit viel körpersprachlichem Aufwand ihre Lehrbuch-Positionen. Das Sprechquartett erstickt im Wischi-Waschi-Wortschaum. In lockeren Abständen treten die Paare an die Rampe und offenbaren ihr Seelenleben in freien poetischen Rhythmen. Kriecht einer der Männer auf einen Erdhaufen am Bühnenrand wie auf eine Übermutterbrust, will der Regisseur Sebastian Schug wohl an sentimentale Defizite dieser wackeligen Erfolgsgeneration erinnern. Das Theater misst Erfolg am Applaus. Die getreue Schauspielhaus-Gemeinde klatschte ganz kräftig.