"Wien endet spätestens in St. Pölten! Kärnten ist überall!" Klingt bedrohlich. Und auch recht klischeehaft. Das sagt Philipp (am zweiten i betont, man befindet sich ja in einem Konversationsstück) in Peter Turrinis "Bei Einbruch der Dunkelheit". Zum 70er des Dichters feierte das Stück am Donnerstag Premiere im Burgtheater. Es ist ein autobiografisches Stück: Nur wenig verklausuliert, aber dafür krassifiziert erzählt Turrini von seinen Aufenthalten als Jugendlicher am Tonhof in Maria Saal. Der eingangs erwähnte Philipp steht für den Komponisten Gerhard Lampersberg, der dort mit seiner Frau Maja ein Mäzenatendasein in der Künstlerkolonie führte. Die gesammelte Avantgarde Österreichs wurde dort in den 50ern durchgefüttert. Die Rechnung bekam Lampersberg mit Thomas Bernhards Roman "Holzfällen" präsentiert - einem der letzten großen österreichischen Literaturskandale.

Es tut Turrinis Stück nicht sehr gut, dass dieser Bernhard’sche Spottschatten über ihm hängt. Jedoch, denkt man sich diese Hintergrundgeschichte weg oder, welch Frevel, man ist nicht Bildungsbürger genug und geht gar ohne Vorwissen in diesen Theaterabend: Man wird sich im besten Fall wundern. Ein Zwiespalt, den Regisseur Christian Stückl mit einer Entkopplung zu lösen versucht, er schiebt diese irre Tischgesellschaft in die Richtung einer allgemeinen Rocky Horror Show des Künstlerdiskurses. Das gelingt ihm auch oft, vor allem ausgerechnet dann, wenn die personifizierte Thomas-Bernhard-Anspielung Vinzenz (ernst im Auge des Nonsenstornados: Sven Dolinski) sich als "Übertreiber aus Überzeugung" in die Konversationsschlacht wirft mit der Hausherrin. Diese "Frau Schwarz" wird von Barbara Petritsch als abgebrühtes Literaturluder mit meterhoch toupierter Perücke, aus der ihre Furze rauchen, grandios verkörpert. Der Darmwind als Metapher wird hier überhaupt nicht wenig strapaziert. Dazwischen beißt man in einen blutigen Kärntnerwürstl-Phallus.

Lustiges Lederhosenpetting


Einen Nachmittag lang begleitet das Stück diese Gesellschaft, die neben der Übermutter-Gräfin und dem wortkämpferischen Lyriker noch aus Tochter Claire (einer sexy-bodenständigen "Idiotin des Positiven" mit "Pulp-Fiction"-Perücke: Dorothee Hartinger), dem Anwalt Meier-Waldhof (Falk Rockstroh), der Haushälterin Else (Elisabeth Augustin) und dem Maler Giuseppe (Laurence Rupp) besteht. Und natürlich aus Philipp, den Markus Meyer ulkig anlegt: Er brüstet sich seiner Pädophilie, zelebriert lustiges Lederhosenpetting mit dem jungen Gast, der sonst meist nur herumsteht: Dieses "fettleibige Kind" ist übrigens Turrinis Alter Ego. Außerdem hat Philipp eine mobile Karaokemaschine, einen fahrenden Sarg und trotz seiner überspitzten Tragik sehr viele Lacher auf seiner Seite.

Die Exaltiertheit der Szenerie, mit ihren Heino-Einlagen mit Spasmen-Schuhplattler, ihren Neonlichteskapaden und ihren knackigen Onelinern à la "Ich lese nur Schriftsteller, die im Kreuzworträtsel stehen" amüsiert durchaus. Die Ausstattung mit ihren Punk- und Filmzitaten ist grell modern. Aber wie das so ist mit Exaltiertheit: Sie kann auch ermüden. Im letzten Drittel vermisst man den Spannungsbogen dann doch. Vom Gesellschaftsspiel "Bei Einbruch der Dunkelheit", auf das Claire seit Beginn des Stücks wartet, entfernen sich fast alle Mitspieler. "Bei Einbruch der Dunkelheit" darf jeder sein, wer er will. Der junge Dorfbursche kriegt diese Chance. Ein versöhnliches Ende einer eh sehr harmlosen Rekapitulation.