• vom 17.11.2014, 17:00 Uhr

Bühne

Update: 17.11.2014, 17:34 Uhr

Opernkritik

Opernereignis im Dschungelcamp




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  • Das Theater an der Wien zeigt Georges Bizets Oper "Les Pêcheurs de Perles".

Alles nur Show? - (V.l.n.r.) Nathan Gunn, Diana Damrau und Nicolas Testé im Dschungelcamp. - © Kmetitsch

Alles nur Show? - (V.l.n.r.) Nathan Gunn, Diana Damrau und Nicolas Testé im Dschungelcamp. © Kmetitsch

(r.e.) Eine Frau und zwei Männer werden auf einer tropischen Insel ausgesetzt. Sie stehen unter Beobachtung des Volkes und werden durch erschwerende Auflagen psychisch unter Druck gesetzt. Eine Dreiecksgeschichte entspinnt sich, die Volksseele brodelt in voyeuristischer Wonne. Kommt Ihnen bekannt vor? Dann haben sie von TV-Sendungen wie "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!" zumindest schon gehört. Oder sie kennen "Les Pêcheurs de Perles", die Oper des 25-jährigen Georges Bizet aus dem Jahr 1863. Da wird jene Dreiecksgeschichte erzählt - natürlich ohne Dschungelcamp-Ausstattung. Die kommt im Theater an der Wien von Regisseurin Lotte de Beer und ihrem Team Marouscha Levy (Bühne) und Jorine van Beek (Kostüme). Was auf dem Papier wie eine abstruse Idee klingt - romantische Oper als Reality-TV -, funktioniert in Perfektion.

Information

Oper

Les Pêcheurs de Perles

Von Georges Bizet

Lotte de Beer (Regie)

Jean-Chrisophe Spinosi (Dirigent)


Voting für Tod
Die Rahmenhandlung etabliert die niederländische Regisseurin vorab: Schon bevor der Dirigent ans Pult tritt, bevölkern Fischerfamilien in Wellblechhütten das tropische Bühnenbild. Sie werden von einer TV-Crew vertrieben. Nichts soll die Strandbilder und den Blick auf eine überdimensionale Sonnenscheibe im Hintergrund stören. Ihre semitransparente Oberfläche dient als Projektionsfläche für diverse räudig gefilmte Close-ups der Darsteller. Und diese Scheibe beherbergt hinter ihrer Gaze-Leinwand den Chor: das Volk vor den TV-Geräten, Familien, Freundesrunden und einsame Zuschauer in ihren Wohnungen. Ein genialer inszenatorischer Schachzug. Denn so werden die großen Chorszenen plausibel gemacht.

Die ständige Anwesenheit von TV-Kameras, die das Geschehen auf der Insel in die kleinen Stuben übertragen, heizt die Gefühle der Protagonisten an. Was ohne Rahmenhandlung bloß übertriebenes Operngehabe ist, wird so zur großen Reality-TV-Show.

Die Story ist einfach erzählt: Nadir und Zurga lieben die Priesterin Leila, die Keuschheit geschworen hat, solange sie auf einem Felsen für die Perlenfischer beten und singen wird. Nadir und Leila brechen das Gelübde, der eifersüchtige Zurga überrascht sie und liefert die beiden ans Messer - beziehungsweise an den als Strafe vorgesehenen Scheiterhaufen. Das Volk stimmt über das Schicksal der beiden ab. 81 Prozent Tod, neun Prozent Gnade, lautet das SMS-Voting.

Aus dem ungewöhnlichen Setting holt die Regisseurin das Maximum an witzigen Situationen und stimmungsvollen Bildern heraus, ohne Handlung und Musik Gewalt anzutun. Die TV-Crew agiert mit bornierter Professionalität, die drei Hauptfiguren taumeln naiv ihrem Schicksal entgegen. Die Mechanismen der Ausbeutung und Erniedrigung durch die permanente Präsenz der Kameras verleihen der exotistischen und eher schalen Handlung der Oper ungeahnte Brisanz. Das wird am Ende deutlich, für den de Beer ein Bild mit schockhafter Wirkung gefunden hat.

Von der Wirklichkeit eingeholt
Im Schlussbild hebt sie die Geschichte auf eine höhere Eskalationsstufe. Zurga riskiert alles für das Leben von Nadir und Leila und zündet das Camp des TV-Teams an, um die Liebenden vor dem Flammentod auf dem Scheiterhaufen zu retten. Ein Ausbruch aus der inszenierten Fernsehrealität à la "Truman Show". Das Volk reagiert prompt: Der Mob treibt nun Zurga selbst auf den Scheiterhaufen, übergießt ihn mit Benzin, zückt die Smartphones und filmt das letale Ende.

Die musikalische Umsetzung macht das Unternehmen zu einem Opernereignis. Der jede Begleitfigur agil ausleuchtende Dirigent Jean-Chrisophe Spinosi wollte beim Schlussapplaus am liebsten alle Mitwirkenden abbusseln. Zu Recht. Das RSO Wien lieferte im Orchestergraben eine Spitzenleistung ab, reagierte flexibel auf jede Geste Spinosis. Diana Damrau schwelgte als naive Leila in strahlenden, belebten Koloraturen. Dmitry Korchak überwand in der hoch notierten Arie "Je crois entendre encore" die Grenzen der Stimmregister so geschmeidig, dass das Publikum elektrisiert lauschte. Nathan Gunn war ein herzerwärmend singender Zurga und Nicolas Testé lieferte als Nourabad (und schmieriger TV-Moderator) eine schauspielerische Glanzleistung - ebenso wie der Arnold Schoenberg Chor. Ein unvergesslicher Opernabend.




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Dokument erstellt am 2014-11-17 17:02:06
Letzte Änderung am 2014-11-17 17:34:21


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