Seniorensex folgt auf Rührstück: Doris Weiner und Pavel Fieber in Peter Turrinis "Josef und Maria". - © Lalo Jodlbauer
Seniorensex folgt auf Rührstück: Doris Weiner und Pavel Fieber in Peter Turrinis "Josef und Maria". - © Lalo Jodlbauer

Die Josefstadt und das Burgtheater haben bereits für Peter Turrini zum 70. Geburtstag Salut geschossen. Mit der bunten Kunst-und-Leben-Bilanz "C’est la vie" und der Kärntner Schwulenposse "Bei Einbruch der Dunkelheit". Das Volkstheater reiht sich in die Gratulationstour mit Remakes einstiger Uraufführungen ein. "Josef und Maria" wandert durch Mehrzwecksäle in den Wiener Außenbezirken. Die "Rozznjogd" wird im Dezember in den Pausenfoyers versteckt. Gewiss liebevolle, doch alibihafte Kulturpflege dort, wo Turrini als politisierender Volksschriftsteller sein wahres Wiener Zuhause hätte. Er wird es mit Fassung tragen, denn der unbehauste, ausgesetzte Mensch ist sein Theaterheld von Anfang an. Und nie wagte er ihn zärtlicher, süßlicher vorzuführen als im Einakter mit dem biblischen Paar im Titel und dem Weihnachtsabend als Termin. Ein präzise kalkulierter Volltreffer im Jahr 1980. Jedes kleine Stadttheater giert nach Weihnachtsstücken für Erwachsene, das mit einer einzigen Dekoration und zwei Darstellern auskommt.

Drei Übel an einem Abend


Was erwartet die treuen Theater-Dauerkunden der zugunsten steiler Eventangebote heruntergefahrenen Wiener Volksbildung? Die Kulisse von Hans Kudlich: eine Kammer für das Putzpersonal in einem Kaufhaus. Doris Weiner, die auch Regie führt, kommt im Persianer, der bessere Tage gesehen hat, mit Einkaufssäcken voller Weihnachtsgeschenke zur Arbeit. Einsame Witwe. Die Schwiegertochter will sie nicht im Haus. Langsamer Kleiderwechsel, stumme Aktionsdehnungen. Erste Selbstgespräche. Bis Pavel Fieber als Nachtwächter Josef in überkorrekter grauer Uniform zum Dialogisieren antritt. Josefs Heimat, heißt es, sei Ottakring. Fieber, ein Uraltmöbel aus der deutschen Theaterunterliga, spricht klar, doch ohne Rücksicht auf die Tonfall-Harmonie. Ein Wiener Volkstheater müsste für die schrille Weiner einen Partner vom Grund finden.

Für das zweite Übel ist der Dichter selber verantwortlich: Als er 1999 "Josef und Maria" in der Josefstadt inszenierte, feilte er sein Rührstück spitz zu auf den Erzkomödianten Otto Schenk in der Rolle des so hellsichtigen wie verrückten Kommunisten in einer nunmehr postsowjetischen Welt. Die Wende von 1989 bescherte den Josefstädter Abonnenten zusätzliche politische Purzelbäume und einen neuen Schub braver antifaschistischer Biographie. Maria bekam mehr Spotlights in ihrer Lebensgeschichte. Im Weltkrieg begleitete sie die Wehrmacht nach Tirana. Dass sie dort als Ballettmaus tanzte, war nicht genug. Turrini rüstete sie zur Nutte nach. Das dritte Übel ist wiederum hausgemacht: Eine lange Pause stoppt den Rhythmus des 80-Minuten-Einakters.

Die 1980 rührend wahren Figuren erstarrten zu Textaufsagern ohne Fleisch und Blut. Komischen Verrenkungen im Tangotanzen werden wie Brettlgags beklatscht. Die beiden Einsamen beziehen endlich das bereitstehende Klappbett. Seniorensex bekommt sein Theaterbild. Doch das Weihnachtswunder heilender Liebe wird buchstäblich verspielt.