Gleich tut’s weh: Beim Sex von Jung (Michael Dangl) und Sabina Spielrein (Martina Ebm) verliert Hamptons Text an Schlagkraft. - © S. Gallauer
Gleich tut’s weh: Beim Sex von Jung (Michael Dangl) und Sabina Spielrein (Martina Ebm) verliert Hamptons Text an Schlagkraft. - © S. Gallauer

"Ich bin nicht krank, ich will gar nicht gesund werden." Diese vertrackte Ambivalenz, die Hysteriker ausmacht, bringt Sabina Spielrein gleich zum Ausdruck, als sie in die Klinik eingeliefert wird. Sie sagt es zu C. G. Jung, der ihr Arzt wird. Und auch, so will es die pikanteste Legende der Psychoanalyse-Historie: ihr Liebhaber.

Der britische Dramatiker Christopher Hampton hat bereits vor elf Jahren ein Stück über diese Beziehung geschrieben. Daraus entstand 2011 David Cronenbergs Film "A dangerous method". Darauf wieder basiert jenes Stück (übersetzt von Daniel Kehlmann), dessen Uraufführung Hampton nun selbst im Theater in der Josefstadt inszenierte. Der Kern bleibt immer gleich: Hampton erzählt die brisante Phase der Psychoanalyse, in der C. G. Jung und Sigmund Freud unwillkürlich von befruchtender Freundschaft zum brutalen Bruch strebten. Mitten drin im Konflikt: Sabina Spielrein. Sie war eine Patientin Jungs, die schließlich selbst Psychoanalytikerin wurde. Von ihr stammen wesentliche Inspirationen zur Verbindung von Eros und Thanatos.

Dieser Sex ist verboten


Den Zerstörungstrieb in der Liebe sucht die Sabina des Stücks (Martina Ebm) auch konsequent. Demütigung führt bei ihr - natürlich durch frühkindliche Prägung - zur höchsten Lust. Jung (Michael Dangl) wendet bei ihr erfolgreich die Gesprächstherapie nach Freuds Vorbild an. Sie wiederum verführt ihn erfolgreich - auch weil die beiden sich auf einer Ebene über Fragen der neuen Wissenschaft unterhalten. Nachdem sich Jung von ihr getrennt hat, berichtet sie Freud von der Affäre. Der ist ohnehin schon nicht mehr überzeugt davon, dass Jungs und seine Ideen in Zukunft kompatibel sind. Und so endet dieser prominente Vater-Sohn-Komplex reichlich unschön.

Michael Dangl spielt Jung als mal jovialen, mal selbstironischen Schweizer Biedermann, der sich erst vom drogensüchtigen Kollegen Otto Gross (nonchalant: Florian Teichtmeister) von der Abkömmlichkeit der Monogamie und der Bekömmlichkeit der Polygamie überzeugen lässt. Phasenweise legt Dangl Jung direkt komödiantisch an, was dabei hilft, die kleinen freudianischen Insidergags zu identifizieren. Etwa als Frau Jung (schicksalsergeben: Alma Hasun), die in diesem Stück hauptberuflich Sachen von einer Ecke der getäfelten Drehbühne zur anderen trägt und sonst vor allem schwanger ist, bei ihrer Assoziationskette auf "Mütze" "tragen" antwortet. Da diagnostiziert Sabina selbstverständlich Probleme mit der Empfängnisverhütung und Jung attestiert ihr trocken Talent für diese Disziplin.

Dieser Sex geht nicht auf


Es ist eine Ironie dieses Stücks, dass Jung zwar - Phallusfigürchen in der Hand - die Sexualitäts-Besessenheit Freuds kritisiert, aber durch seine eigene Sexualität die Freundschaft zum Wanken bringt. Herbert Föttinger spielt einen zynischen, selbstbezogenen Freud, der von einer Zigarrenrauchsäule so umwölkt ist wie die Raupe in "Alice im Wunderland". Martina Ebm schließlich als Sabina Spielrein ist die rätselhafteste Figur dieses Stücks. Ihre Verführung ist mehr als subtil. Die angedeuteten Sexszenen, samt dem hinlänglich vom Boulevard kolportierten nackten Hinterteil, gehen am wenigsten auf in dieser Inszenierung. Die auch grübeln macht: Die echte Sabina Spielrein kann man durchaus als Pionierin in einer solchen Position sehen. Um die gemeinhin unwissende Nachwelt aufzuklären, dass es eine Frau gab, die zur Theorie der Psychoanalyse beigetragen hat, ist "Eine dunkle Begierde" aber falsch gelagert. Denn dafür konzentriert sich das Stück - schon wieder! - zu sehr auf Sex.

Am Ende sitzt Jung da, unglücklich ob des Bruchs mit Freud, aber unfähig, aus dem Gefängnis der Ressentiments auszubrechen. Folgerichtig schließen sich dann mit Karacho die Tore des Narrenturms, als der die Bühne (Tim Goodchild) angelegt ist. Verrückte Analytiker-Welt.