Der "Schwarze Salon" unter Dach ist mit Luftpolsterfolie ausgelegt. Jeder Tritt auf eine Noppe ein Kracher. 1971 brachte dem Dichter die "Rozznjogd", mit Dolores Schmidinger und Franz Morak splitternackt, auf der großen Volkstheater-Bühne den ersten Ruhm. Zwar gab Peter Turrini Motive des Amerikaners Willard Manus als eine Quelle an, doch der Sprachfuror gegen den Konsumfetischismus in den endenden Wirtschaftswunderjahren war, trotz des wienerischen Kunstdialekts, sein ureigener. Gegen den Ekel vor der Sprache der Massenkommunikation und Produktwerbung schrieb er auch sein bisher gewaltigstes Buch, den Roman "Erlebnisse in der Mundhöhle" (1972).

Ein alter Begleittext zur "Rozznjogd" erinnert an die Aufschreie der US-Beatniks: "Zu Ende mit den Worten der schönen Kunst, der erwählten Literatur, diesem Dreck auf dem schmackhaften Butterbrot einer verlorenen Sensibilität … Zu Ende mit der Sprache der Ideologien, Programme, Ismen, diesem zählflüssigen Pesthauch in der humanistischen Schweinsblase des Bürgers … Zu Ende mit den Worten der Liebe." Die zarte Liebe in Sprachlosigkeit oder patscherter Annäherung durchzieht wie ein Lebensthema Turrinis dramatisches Werk – wie "Josef und Maria" und "Tod und Teufel". Seine Liebesgedichte stilisiert er hinunter bis zur Kunstlosigkeit.

In der "Rozznjogd" führt ein junger Automechaniker ein aufgedonnertes Vorstadtgirl in finsterer Nacht auf einen Müllplatz, wo er die Nager vor seine Pumpgun bekommt. Aus den toten Posen der einander Fremden erwächst Neugier, aus plötzlicher Übertreibungslust Ekstase. Zuletzt haben die beiden alles "Falsche", das dem "Richtigen" im Leben zuwidersteht, von sich geworfen, zerstört: Kunsthaar, Zahnprothese, Ohrringe, BH-Pölster, Kosmetika, Geld. Die Welt: ein Müllberg. Die Weltverweigerer: nackt. Erst nach diesem Reinigungsritual im ärgsten Schmutz bekäme die wahre, die wahnhafte, die romantische Liebe ihre Chance. Zu spät. Weiter als zum Fragesatz "Wi hasdn du eigentlich" darf die Sprache der Liebe nicht gedeihen. Das Paar wird von anderen Rattenjägern totgeschossen. Ein Versehen, kein Mord.

Doch heute Birkenstock statt Woodstock. Der Konsumekel von damals kanalisiert sich in neuem Konsum. Kein emotionales oder politisches Kleid bietet sich Darstellern an, in die sie als "Er" und "Sie" schlüpfen könnten. Darum kein Donnerwetter, kein Feuerwerk wie 1971. Philipp Ehmann führt als Regisseur in nachgerade wissenschaftlicher Distanz die einnehmend jungen Stimmen und Körper von Jan Hutter und Daniela Golpashin über Tamara Raunjaks Minenboden. Der wienerische Kunstdialekt gut getroffen. Sorgsam, zärtlich, keusch sogar im finalen Berührungsrausch. Und kühl. Warmherziger Beifall, auch vom Dichter. Wie einem freundlichen älteren Onkel gefiel ihm das Spiel der Neffen.