Unvergessliche Frauenporträts: Stefanie Reinsperger als "Junge", die grandiose Elisabeth Orth als "Alte". - © apa/Burgtheater/Georg Soulek
Unvergessliche Frauenporträts: Stefanie Reinsperger als "Junge", die grandiose Elisabeth Orth als "Alte". - © apa/Burgtheater/Georg Soulek

Vielleicht war das Tragödientheater der Antike jenes "Labor der Wirklichkeit", von dem Robert Borgmann, Regisseur der Uraufführung von "Die Unverheiratete", träumt. Stoff der Tragödien waren ja Mythen, die langhin nur mündlich überlieferte und daher unterschiedlich tradierte Geschichte(n) aus der Vorzeit auf der Bühne abhandelten. So zeigten bereits die griechischen Autoren Aischylos, Sophokles und Euripides aus verschiedener Perspektive Versionen, wie Orestes, angefeuert von seiner Schwester Elektra, den Gattenmord Klytaimnestras an ihrer beiden Vater Agamemnon rächt.

Um die Frage nach Tätern und Opfern geht es auch Ewald Palmetshofer, der, ausgehend von historischen Fakten, in der "Unverheirateten" ein Stück Zeitgeschichte im Rückgriff auf den Atriden-Mythos mit eindrücklicher Gestaltungskraft auf mehreren Zeitebenen aufrollt. Eine 90-jährige Frau wird nach einem Sturz in ihrer Wohnung von ihrer Tochter aufgefunden und von der Rettung ins Spital transportiert. Erinnerungen an eine lange zurückliegende Fahrt in einem "grünen Heinrich" werden wach. Im April 1945 hatte sie, bereits Tage nach der Befreiung Wiens, in einem oberösterreichischen Dorf einen 20-jährigen Deserteur denunziert und damit einem Erschießungskommando ausgeliefert. Ein Jahr später wurde die angeblich "Unpolitische", deren NSDAP-Mitgliedskarte verschwunden war, aufgrund von Zeugenaussagen zu einer Haftstrafe verurteilt.

Rhythmische Sprachkunst


Nicht nur damals, sondern lebenslang verweigerte sie, die Konsequenzen ihrer Tat geahnt zu haben und sich dafür schuldig zu bekennen. Die Leidtragenden sind nicht nur die Eltern des Hingerichteten, sondern auch ihre in die Elektra-Rolle gedrängte Tochter und ihre Enkelin, die - beide vaterlos aufgewachsen - mit ihrem Leben nicht zurechtkommen. Doch Palmetshofers Elektra steht kein Orest zur Seite, sodass sie letztendlich selbst Täterin wird. Fragmente aus der Vergangenheit kommen hoch, Zeugenaussagen aus dem Prozess werden einander gegenübergestellt, es bleibt ungewiss, inwieweit die Frau das Telefongespräch des Denunzierten belauschen konnte, ob ihr die Tragweite ihrer Beschuldigung bewusst war und ob ihr der junge Mann wirklich unbekannt war. Auch ein von der Alten aufbewahrtes Heft mit Lebenserinnerungen bringt nicht die erhoffte, auch im Mythos oszillierende Wahrheit an den Tag.

Palmetshofer gestaltet in seinem Frauenstück eine beklemmende, vom ersten bis zum letzten Augenblick packende, rhythmische Sprachkunst mit Alltagsfloskeln verknüpfende Tragödie unserer Zeit. Vier exzellente Schauspielerinnen (Sabine Haupt, Alexandra Henkel, Sylvie Rohrer, Petra Morzé) repräsentieren den antiken Chor, der informiert, kommentiert, auch die ans Gewissen rührenden Rachegöttinnen repräsentiert, und schlüpfen zudem - als Krankenschwestern, Ärztinnen und dergleichen - in verschiedene Rollen.

Robert Borgmann stellt das Geschehen in einen von Neonröhren umgrenzten, eindrucksvolle Licht- und Schattenspiele ermöglichenden Mehrzweckraum, dessen Boden zum Teil mit Erde von Grabstätten bedeckt ist. Symbolrequisiten und Geräuscheffekte verschränken Annäherungen an die Antike und Gegenwärtiges. Zu Beginn und gegen Ende erklingt kurz Blandine Ebingers Stimme mit "Wenn ick mal tot bin" aus Friedrich Hollaenders Zyklus "Lieder eines armen Mädchens".

Stürmische Ovationen


In diesem Rahmen gestalten Elisabeth Orth, Christiane von Poelnitz und Stefanie Reinsperger drei unvergessliche Frauenporträts. Die schlichtweg grandiose Elisabeth Orth als die Alte zeigt eine unerbittliche Greisin, die es mit selbstzufriedenem Lächeln quittiert, wenn sie Tochter oder Enkelin wieder einmal vor den Kopf stoßen konnte. Christiane von Poelnitz steht ihr als verhärmte, sich nach Vaterliebe sehnende Tochter um nichts nach, und Stefanie Reinsperger feiert als Enkelin, die von ihren wechselnden Männerbekanntschaften nur Sex statt einer tiefergehenden Beziehung erwartet, ein fulminantes Burgtheater-Debüt. Alles in allem: Ein perfekter Burgtheaterabend, für den nicht nur die Darstellerriege, sondern auch der Autor mit stürmischen Ovationen bedankt wurde.