Wer bisher noch nicht in Weihnachtsstimmung ist, dem kann geholfen werden: "Jauchzet, frohlocket" wird jetzt im Theater an der Wien gejubelt - da flitzen Tänzer über die hell erleuchtete Bühne. Es ist ein Spiel der Formationen und des Tanzes im raffinierten Kanon.

Aber John Neumeiers "Weihnachtsoratorium" zur Musik von Johann Sebastian Bach geht weit tiefer als ein simples Freudenfest in Bild und Musik. Nach Händels "Messias", Mozarts "Requiem" für die Salzburger Festspiele 1991 sowie Bachs "Magnificat" und "Matthäus-Passion" erarbeitete Neumeier ein weiteres Ballett auf sakrale Musik. Bereits 2007 choreografierte er die ersten drei Teile und brachte sie am Theater an der Wien zur Uraufführung. Das komplette Bach-Werk folgte dann in einer Überarbeitung 2013 in Hamburg mit seinem Hamburg Ballett. Er wolle keinen sakralen Tanz schaffen, meinte der gebürtige US-amerikanische Choreograf im Vorfeld. Auch eine Nacherzählung der biblischen Geschichte liegt ihm fern. Und diesen Vorgaben bleibt er treu: Er holt die Evangelien-Geschichte ins 21. Jahrhundert, lässt die Figuren greifbar menschlich werden: Maria nennt er "Die Mutter" und Josef "Ihr Mann". Sie sind Reisende, vielleicht Flüchtlinge oder auch Obdachlose.

Ein Jubelfest


Es gibt dazu die Rolle "Ein Mann", der einerseits als Fluchthelfer der beiden agiert, andererseits auch als Beobachter mit einem kleinen Christbaum. Er eröffnet auch das "Weihnachtsoratorium" in einem ausgewaschenen grauen Mantel und einer weißen Mütze, spielt in teils schiefen Tönen auf seiner Mundharmonika "Vom Himmel hoch, da komm ich her". Eng zusammengedrängt stehen in der Mitte Menschen in schwarzen Mänteln mit weißen Koffern, die beim Klang des Weihnachtslieds auseinander gehen, ihre Reise antreten. Und schon geht es los: Eifrig frohlocken die herausragenden Persönlichkeiten des Hamburg Ballett auf der Bühne, es ist schlicht ein Jubelfest - auch für Choreografie und Tänzerkönnen. Mit dieser Szene der puren Freude entlässt Neumeier dann nach mehr als drei Stunden wieder sein Publikum.

Dazwischen zeigt Anna Laudere eine zerbrechliche Maria im hellblauen Arbeiterinnenkleid, Carsten Jung ihren zuerst skeptischen JosefundLloydRigginseinen stark präsenten Mann - auch in jenen Szenen, in denen er den Christbaum nur betrachtet. Die Engel SilviaAzzoniund Alexandr Trusch schweben überirdisch, und auch das Böse überzeugt: Als König tänzelt bedrohlich Dario Franconi im Tango-Fieber zwischen dem Ensemble. Die drei Weisen aus dem Morgenland (Marc Jubete, Florian Pohl, Thomas Stuhrmann) sind tänzerische Prachtexemplare mit Plastiksesseln.

Und dann ist da noch Bachs Musik: Das Wiener Kammerorchester und der Schoenberg Chor unter der Leitung von Erwin Ortner sowie Lenneke Ruiten (Sopran), Ann-Beth Solvang (Alt), Andrew Tortise (Tenor), Andrè Schuen (Bass) heben die Ansprüche für Ballettmusik auf ein neues Niveau. "Der Nussknacker" als Weihnachtsmuss der Opernhäuser hat Konkurrenz bekommen.

Ballett

Weihnachtsoratorium I-VI

Von John Neumeier

Johann Sebastian Bach (Musik)

Erwin Ortner (Dirigent)

Hamburg Ballett, Wiener Kammerorchester, Arnold Schoenberg Chor

Theater an der Wien

Wh. bis 20. Dezember