Wien- Nicht endenwollender Geburtstagsapplaus für die Dichterin Friederike Mayröcker beim Finale von wahren Mayröcker-Festspiele letzte Woche in den Feuilletons, in der Wiener Alten Schmiede und im ORF.

Das aufwändigste Geschenk machte der Neunzigjährigen das Akademietheater mit einem Kompositionsauftrag an Lesch Schmidt, dem Bruder ihrer Verlegerin Ulla Berkewicz, Witwe nach Siegfried Unseld. 2001, ein Jahr nach dem Tod ihres Lebensmenschen, veröffentlichte Mayröcker ein "Requiem für Ernst Jandl". "Erbärmlich ist der Tod", klagt sie inmitten schlingender Assoziationen mit Erlebtem und als Kunst Verzehrtem. Im Fluss der Erinnerungen an Augenblicke des Glücks gehen die Schreckensbilder vom Freund unterm Leichentuch rasch unter.

Schmidt baute das 20-Seiten-Gedicht mal näher, mal ferner zum Wort zu einem "szenischen Melodram" aus. Der Jazzenthusiast Jandl hätte mit dem fünfköpfigen Ensemble, der Tonsetzer dirigierend am Klavier, seine helle Vorfreude gehabt. Aber er gierte nach radikaler Schärfe und Lautstärke – während seine Muse, man muss sie ja nur lesen hören, alles Laute hasst. Schmidts Komposition: ein höflicher Kompromiss. Exakteste Ausführungen durch die Herren Nikolai Tunkowitsch, Alexander Rindberger, Dirko Juchem, Manni von Bohr. Doch melodisch und rhythmisch bisweilen beliebig dahinplätschernd wie eine Barcombo nach Mitternacht. Jazz plus deutscher Kunstgesang erinnern zwingend an Kurt Weill.

Hermann Beil braute mit feinem Händchen den Medienmix für diese Koproduktion mit dem Berliner Ensemble: Off-Text, den die Dichterin spricht, Live-Text gesprochen und gesungen von der Schauspielerin Dagmar Manzel, in Berlin berühmt für ihre Ausflüge ins Musiktheater, handgeschriebener Text auf der Leinwand, Schwarzweißfotos aus frühen Jahren, als sie und er bei der Innsbrucker Jugendkulturwoche auftraten und als Stipendiaten in der Berliner Akademie der Künste wohnten. Schöne Gesichter, angespannt in die Zukunft blickend.

Der Weg zum Ruhm war für die experimentierende Avantgarde der fünfziger, sechziger Jahre steinig und hat lange gedauert. Der Jubel zum Überlebensfeiertag kann nicht alle Kränkungen wettmachen.
Viel mehr als Beil vermag die Bühnenpraxis auch zum Geburtstag nicht zu geben. Obwohl als Hörspielschreiberin vielfach ausgezeichnet, schuf Mayröcker nie bühnentaugliche Figuren, Rollen. Was auch erklärt, dass sie im theaterverliebten Wien an Bekannt- und Beliebtheit weit hinter den DramatikerInnen zurückblieb. Sie holte sich auch nie Solidarität durch politische Statements in ihrem Werk.

Eine immer größere Gemeinde von Literaten und Poesieaffinen verehrt sie. Die Schriftstellerin Erika Kronabitter rief Schreibende auf, der Mayröcker zum Geburtstag einen Text zu schenken. 170 Beiträge füllen das Buch "Hab den die das" (Edition Art Science), das der Jubilarin in der Alten Schmiede überreicht wurde. Der Jubel dort: nicht minder herzlich.