• vom 22.12.2014, 16:59 Uhr

Bühne

Update: 22.12.2014, 17:10 Uhr

Opernkritik

Der rotierende Rigoletto




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Von Christoph Irrgeher

  • Turbulente Verdi-Premiere an der Staatsoper: Titelheld Simon Keenlyside verlor während des zweiten Akts die Stimme, Paolo Rumetz brachte den musikalisch gehaltvollen Abend solide über die Runden.

Planung und (Opern-)Realität: Links ein Probenfoto mit Simon Keenlyside im letzten Aufzug, rechts der tatsächliche Rigoletto des Schlussakts, nämlich Paolo Rumetz, gemeinsam mit Erin Morley.

Planung und (Opern-)Realität: Links ein Probenfoto mit Simon Keenlyside im letzten Aufzug, rechts der tatsächliche Rigoletto des Schlussakts, nämlich Paolo Rumetz, gemeinsam mit Erin Morley.© Staatsoper/Pöhn Planung und (Opern-)Realität: Links ein Probenfoto mit Simon Keenlyside im letzten Aufzug, rechts der tatsächliche Rigoletto des Schlussakts, nämlich Paolo Rumetz, gemeinsam mit Erin Morley.© Staatsoper/Pöhn

So gern Wiens Opernfreunde über Nachfolger spekulieren: Wenn ein solches Ratespiel einmal zwischen zwei Akten stattfindet und der doch eher dringlichen Frage gilt, wer den aktuellen Abend denn nun fertigsingen könnte, ist das eine Ausnahme. So geschehen am Samstag in der zweiten "Rigoletto"-Pause der Staatsoper. Das Oskar-Hildebrandt-Pult, witzelte ein Stammgast im Pausengespräch, habe er jedenfalls noch nicht gesehen. Das Utensil leistete vor sieben Jahren rettende Dienste: Der Premieren-Wotan hatte im zweiten Aufzug die Stimme verloren; Hildebrandt - von einem Imbissstand herbeigerufen - lieh ihm vom Bühnenrand aus die seine.

Information

Oper
Rigoletto
Wiener Staatsoper
Wh.: 23. Dezember (ohne Keenlyside), 27., 30. Dezember


Eine solche Personalschnitzeljagd blieb der Staatsoper am Samstag immerhin erspart: Mit dem Ensemblemitglied Paolo Rumetz stand ein (wackerer) Einspringer im Haus bereit. Wobei Rumetz auch schon die Generalprobe gesungen hat. Viral angeschlagen, wollte Simon Keenlyside seine Rigolettokräfte für die Premiere schonen.

Auch üble Emotionen
Nur klappte das eben nicht. Und als der Bariton nach dem zweiten Akt aufgeben musste - er hatte sich an der "Cortigiani"-Arie dermaßen verausgabt, dass er danach nur noch handverlesene Textzeilen singen konnte -, gingen die Emotionswogen im Haus hoch. Mit üblen Ausläufern. Pardon, aber: Einem Mann, der soeben sein Äußerstes gegeben hat, beim Abgang ein Buh auf den kranken Leib zu schreien - das ist degoutant. Und es erhitzte die Gemüter wohl noch weiter. Als Dominique Meyer nach der Pause auf die Bühne trat, rangen Missfallens- und Bravorufe um die Luftherrschaft. Contenance, beschwichtigte der Direktor: So sei das nun einmal im Operngeschäft - ein simples Virus kann die Planungsarbeit von Jahren durchkreuzen. Zwar obsiegte danach fürs Erste die Bravo-Fraktion. Die Zornesblitze funkelten zuletzt aber noch einmal auf und entluden sich an Dirigent Myung-Whun Chung und Regisseur Pierre Audi. Puren Jubel? Gab’s nur für die Sänger.

Dies freilich zu Recht. Der neue "Rigoletto" glänzt mit exquisiten Kräften, und da muss man auch Keenlyside (jedenfalls eineinhalb Akte lang) nicht ausnehmen. Von der Ausstattung oft nicht einmal mit einem Hemd bedacht, bringt er die Seelenpein von Verdis zwiespältigem Hofnarren unverstellt zum Klingen. Höhepunkt: Der erwähnte Arienmoment, in dem der vormals so grausame Scherzbold nicht nur die Gunst des Herzogs, sondern auch die eigene Tochter verloren hat: Keenlysides runder Baritonklang leistet da ebenso Expressives wie das facettenreich-flackerhafte Spiel des Briten.

Dass Kleidung und Frisur den Herzog in die Nähe eines Piraten rücken (genauer gesagt: Captain Jack Sparrow) rückt, irritiert zwar genauso wie manches andere Detail in diesem Renaissance-Fehlersuchbild (Ausstattung: Christof Hetzer). Mit seinem manischen Lächeln und der tenoralen Spannkraft (im zweiten Akt freilich etwas überspannt) gebietet Piotr Beczała dennoch über die rechten Verführungswerkzeuge, auch im Fall von Rigolettos Tochter. Deren Unschuld treibt im makellosen Sopran von Erin Morley wunderbar helle Blüten.

Müsste Sparafucile, von Berufs wegen Mörder, da nicht das klingende Gegenteil sein? Nun - mit seinen noblen Tönen passt Ryan Speedo Green jedenfalls zum Regiekonzept, das den Killer diesmal als abgeklärten Anbieter letztgültiger Dienstleistungen betrachtet.

Apropos Regie: In einem Ödland der knorrigen Bäumen und schäbigen Räumen entwickelt Audi zwar anfangs ein engmaschiges Beziehungsgeflecht. Mit der Zeit dünnt sich die Ideendichte aber fast so weit aus, um schon bei der Premiere von einem gediegenen Repertoireabend zu sprechen. Dirigent Myung-Whun Chung zeigte sich da fast gestaltungsfreudiger: Der Einspringer (für Franz Welser-Möst) modellierte mit einem exquisiten Orchester (und Chor!) sanft-geschmeidige Spannungskurven, die dennoch von Drive und Dramatik beseelt waren.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2014-12-22 17:02:12
Letzte Änderung am 2014-12-22 17:10:58


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