"Es geht einfach um Leistung": Erwin Ortner. - © Kucharko
"Es geht einfach um Leistung": Erwin Ortner. - © Kucharko

Wien. (irr) Und stopp. Eine Herrenstimme schält sich aus dem Dunkel des Parterre. Der eine Sänger, so ihr Ruf, solle mit dem Nachbarmann Platz tauschen; sonst klinge die Stelle zu tenorig. Die Künstler rochieren - und folgen im Probenverlauf noch manchem Finetuning des Manns aus dem Off.

Der heißt Erwin Ortner und ist derzeit gewissermaßen Klangregisseur: Der Gründer und Chef des Arnold Schönberg Chors leitet eine Bühnenproduktion der Kammeroper ausnahmsweise (fast) allein. Muss Ortners Chor im normalen Opernfall nicht bloß auf einen Einstudierer hören, sondern auch einen Orchesterdirigenten und Regisseur, fallen diese Instanzen diesmal weg. Lera Auerbachs Einstünder "The Blind" (2001) ist nur für zwölf Sänger gesetzt; außerdem wird das Werk im kleinen Haus lediglich rudimentär inszeniert. Es sei der Wunsch der Intendanz, sagt Ortner, dass die Zuhörer Augenbinden tragen. Nicht unverständlich: Immerhin vergleicht das Werk die Menschheit mit einer verlassenen Gruppe Blinder. Die (schon öfter vertonte) Vorlage stammt vom Nobelpreisträger Maurice Maeterlinck (1862-1949).

Aus dem Fenster lehnen


Bindenpflicht gibt’s bei der Premiere am heutigen Samstag aber keine. Wer also nicht nur englische Chorgesänge hören will, kann sich auch jene Bewegungen der Schallquellen ansehen, mit denen Ortner das akustische Treiben zusätzlich beleben will. "Das Dunkle, Statische, Schreitende", sagt der 67-Jährige, sei in der Oper der Russin "ohnehin stark vertreten". Zu sehr aufsplitten will er das singende Dutzend aber nicht, weil das die Homogenität gefährden würde. Und er will natürlich auch nicht gegen die Komponistin arbeiten. "Bei den Salzburger Festspielen", erzählt er, "haben wir einmal Ligetis ‚Lux Aeterna‘ gemacht. Ich war echt stolz, wie der Chor in den Arkaden der Felsenreitschule aufgefädelt war; danach sangen wir Schönbergs ‚Friede auf Erden‘ in kompakter Aufstellung. Ligeti kam später zu mir und sagte: ‚Es war ganz wunderbar, aber wissen Sie - eigentlich hätte ich es gern gehabt, wenn die Sänger so stehen wie bei Schönberg.‘"

Was Ortner heute ebenfalls beschäftigt: wie Auerbachs Oper wohl ankommt. Eigentlich sei es ja "feig, einen Ligeti oder Messiaen zu machen - das sind eh Meisterwerke", sinniert der Wiener, der bis 2002 die Musikuni geleitet hat und früher auch den Chor des ORF führte. Ein Job, in dem er sich immer wieder mit neuen Werken "aus dem Fenster gelehnt" hat. "Da konnten wir mitten im Produktionsprozess das Gefühl bekommen: Ist das was? Aber wir machten es. Und das tun wir auch jetzt mit Begeisterung. Zumindest das muss das Publikum mitnehmen - dass es seriös erarbeitet ist."

Daran zweifelt bei diesem Ensemble freilich keiner. Ortners Chor verdankt seine Reputation nicht nur der Ewigkeitspartnerschaft mit Nikolaus Harnoncourt oder einem Grammy aus Übersee, sondern vor allem konstant hohen Leistungen. Ein Umstand, den Ortner ebenso auf ein Pensum von täglich zwei Terminen zurückführt wie auf ein gerüttelt Maß an Gestaltungswille: "Wenn ich merke, wir brauchen noch eine Probe, muss eine her. Wir können es uns nicht leisten, nicht zu proben! Es geht einfach um Leistung."

Und damit auch um die Motivation der Sänger. Wobei es schon in der Natur des Systems liegt, dass die stimmt. Bis zu 150 Namen hat Ortner in einem Pool; die jeweils Erwählten werden projektbezogen bezahlt. "Eine soziale Absicherung ist damit natürlich nicht so gegeben wie im Chor der Staatsoper. Aber das ist für uns ökonomisch nicht machbar." Und es erwachse aus dem System auch Lebensqualität, glaubt der Chef: "Es ist belebend, als Künstler an sich arbeiten zu müssen und gefordert zu werden." Als kalter Konkurrenzideologe will Ortner freilich nicht gelten. Ein Chor, sagt er, wolle nicht zuletzt menschlich motiviert sein, auch dies gehöre zur Kontinuität der Qualität. "Wenn die nicht stimmen würde, wäre ich dran."