Im Erinnerungskerker: Zoltán Nyári als Paul. - © Werner Kmetitsch
Im Erinnerungskerker: Zoltán Nyári als Paul. - © Werner Kmetitsch

Es läuft auf ein Seelen-Pogrom an allen Mariettas dieser Welt hinaus: In Johannes Eraths Grazer Inszenierung von Erich Wolfgang Korngolds Oper "Die tote Stadt" liegen die Dinge psychologisch noch ein wenig krasser als im freudianisch angehauchten Libretto.

Da ist also Paul, der sich - so der Inhalt der Oper - eingegraben hat zwischen den Devotionalien an die verstorbene Ehefrau. In sein Leben bricht die Tänzerin Marietta ein. Sie erinnert Paul so fatal an die Verstorbene, dass er in ihr eine Wiedergängerin erblickt. Was psychologisch nicht gut gehen kann. "Glück, das mir verblieb" - der Arienschlager des 1920 uraufgeführten Werks steht bei Korngold also für Trauerarbeit.

Erath setzt den Psycho-Schraubenschlüssel aber ganz anders an. Er macht eine Ehegeschichte daraus. Brigitta, die Haushälterin, deutet er um in Pauls Ehefrau. Man lebt nebeneinander her, der Mann träumt von Marietta, die folgerichtig immer gleich gekleidet ist wie Brigitta. Brigitta bewegt gelegentlich sogar den Mund synchron mit Marietta. Und nicht nur das: Da gibt es sieben weitere Statistenpaare im Outfit von Paul und Marietta/Brigitta. Auch Frank, der (im Libretto) seinen Freund Paul aus dem selbsterrichteten Trauerkerker reißen möchte, steckt im grauen Anzug Pauls, ist dessen Alter Ego. Und dann gibt es noch einen Knaben, der mit Marietta-Puppen spielt.

Dick angerührte Seelenbrühe


Eine reichlich dick angerührte Seelenbrühe also. An vielen, vielen Details und Zitaten (auch "Der blaue Engel" lässt grüßen) könnte man nun beschreiben, wie der Regisseur noch ein gutes Stück über Freud hinausführt. Im dritten Akt kulminiert die Sache mit all den Doppelgängern, und die vielen goldblonden Mariettas müssen so wie die echte dran glauben, werden erwürgt von den Haarsträhnen der Ehefrau. Ein Massenmord an den unsauberen Gedanken des Gatten. Brigitta und Paul bleiben übrig: Glück, das mir verblieb . . .

Ob der Regisseur nun Korngolds Musik mit dieser Über-Drüberhinaus-Deutung nicht zu viel Üppigkeit aufsetzt, darüber kann man trefflich streiten. Nicht selten lenkt das Optische von der Musik ab, aber andrerseits passiert nichts gegen den breiten melodischen Fluss oder gegen den dramatischen Impetus der Musik. Das Premierenpublikum äußerte gegenüber den Szenikern (Bühne und Kostüme: Herbert Murauer) so gut wie ungeteilt Zustimmung.

Vor allem galt der Jubel aber der Musik: Dirk Kaftan lässt genau hören, in welchem Umfeld sich der Komponist bewegte. Er arbeitet mit dem Grazer Philharmonischen Orchester die Tupfer von der Klangfarbenpalette eines Franz Schreker ebenso heraus wie die posthumen Anklänge an Wagner, vor allem aber betont Kaftan mit hoher Plastizität das starke Vorbild von Richard Strauss: in den Orchester-Intermezzi, vor allem aber auch im letzten Tanz der Marietta, der mehr als üblich wie eine unmittelbare Paraphrase auf den Schleiertanz der Salome anmutet.

Gal James wirkt ungemein versiert in der Rolle der Marietta, in der ein Sopran gleichsam die Quadratur des Kreises erreichen muss - soubrettenhafte Leichtigkeit und dramatische Attacke. Beides gelingt hier gleich überzeugend. Zoltán Nyári ist Paul, ein höhensicherer und doch uneitel wirkender, deshalb glaubwürdig gestaltender Tenor, dem obendrein das Schauspiel merklich ein Anliegen ist. Bewundernswert, wie er ganz am Ende noch fast verinnerlichte Töne findet für das "Glück, das mir verblieb". Dshamilia Kaiser als Brigitta behauptet, weil reale "Doppelgängerin" der Marietta, eine ständige Position auf der Bühne. Ivan Oreščanin ist Frank und singt auch den Fritz, dem der zweite Ohrwurm "Mein Sehnen, mein Wähnen" anvertraut ist.

Oper

Die tote Stadt

Bis 13. Mai, Oper Graz