Vergessener Opernhit: Mari Eriksmoen (neben Topi Lehtipuu) bei den Proben zu Paisiellos "Barbiere di Siviglia". - © Prammer/Theater an der Wien
Vergessener Opernhit: Mari Eriksmoen (neben Topi Lehtipuu) bei den Proben zu Paisiellos "Barbiere di Siviglia". - © Prammer/Theater an der Wien

Wien. Die Bluse ist blütenweiß, die Weste babyblau, das Haar sonnenhell: Eigentlich sieht Mari Eriksmoen aus, als würde sie in einer Variante des Films "Natürlich blond" mitwirken. Einem Stück, das aber in der Vergangenheit spielt - so ungefähr in den 50er Jahren, als die Hausfrau dazu angehalten war, ihren gemarterten Gatten abends mit einem Drink zu empfangen.

Ganz falsch ist diese Datierung nicht: Wenn Eriksmoen, die 31-jährige Sopranistin aus Norwegen, am Montag im Theater an der Wien singt, ist auch die Bühne auf die Mitte des 20. Jahrhunderts getrimmt. Die Oper selbst ist zwar deutlich älter, wurde von den Regisseuren Moshe Leiser und Patrice Caurier aber auf Zeitreise geschickt: Eriksmoen mimt die drastisch unterprivilegierte Rosina, die im Haus eines gewissen Bartolo unter Verschluss gehalten wird. Rettung blüht ihr dank eines verliebten Grafen, der seine Herzdame - unter Mithilfe eines findigen Figaros - am Ende befreit.

Futter für die Koloraturkehle


Es irrt, wer nun an Gioachino Rossinis "Barbier von Sevilla" denkt. Dessen Barbier ordiniert zwar ebenfalls am Montag in Wien, allerdings an der Staatsoper. Das Theater an der Wiener kredenzt unterdessen die gleichnamige Oper von Giovanni Paisiello. Der Italiener hatte den Stoff schon im Jahr 1782 vertont und damit einen nachhaltigen Erfolg gelandet - bis, ja bis der Hitschreiber Rossini mit seiner Fassung kam.

"Die Rossini-Version ist stärker auf Komödie getrimmt, Paisiello aufrichtiger gegenüber der Vorlage", meint Eriksmoen. Hat sie beides gespielt? Bisher nicht. Zwar wurde ihr die Rossini-Rolle auch schon angeboten, ließ sich aber nicht in den Terminplan quetschen. Halb so schlimm. "Es gibt so viele Sängerinnen, die das singen können. Für mich ist diese Rosina jetzt die perfekte Rolle. Ich habe das Gefühl, sie zu meiner ganz eigenen Partie machen zu können." Das liegt einerseits daran, dass eine solche Rolle nicht in den Stein vermeintlicher Selbstverständlichkeit gemeißelt ist. Andererseits könne ihr der Sopran in der aktuellen Regie menschliche Tiefe verleihen. Und: Dirigent René Jacobs habe hie und da hohe Noten eingestreut - als Virtuosenfutter für Eriksmoens Kehle.

Vor allem mit Spitzentönen hat ihre Karriere auch begonnen. Mit 23 Jahren debütierte Eriksmoen als Fledermaus-Adele in Oslo; drei Jahre später schon sang sie, immer noch Studentin, im Theater an der Wien. "Ich sprang damals für Diana Damrau als Zerbinetta ein. Das war schon sehr mutig, mir diese Chance zu geben." Seither kommt die Frau aus Bergen, die man mittlerweile auch an der Scala und in Aix-en-Provence kennt, eigentlich jedes Jahr her. Einer der Höhepunkte: die Arbeit mit Nikolaus Harnoncourt. Im Vorjahr hat die Originalklang-Legende noch einen Kraftakt bewältigt: alle drei Mozart-Da-Ponte-Opern in einem Monat konzertant. Die Ideen des chronischen Neudenkers überraschten nicht zuletzt Eriksmoen. Wirklich sie, der leichte Sopran, als Fiordiligi? "Ehrlich gesagt war ich besorgt: Ich dachte, die Leute werden mich dafür schlachten!" Harnoncourt aber war von ihr überzeugt, und der Abend, noch eine Überraschung!, ein Erfolg.

Nur Wimpernklimpern ist fad


Frische Denkansätze schätzt sie auch bei Regisseuren. Gerade als leichter Sopran sei man ja stark klischeegefährdet. Das Kammermädel Adele, die Schelmin Zerbinetta, die Opern-Barbie Olympia: "In meinem Fach ist es einfach, in kokette Putzigkeit zu verfallen. Die Leute erwarten, dass du charmant bist, und es ist nicht schwer, ein solches Mädchen zu spielen - aber langweilig. Ich liebe es, wenn Regisseure das hinterfragen." Überhaupt: "Ich denke, dass es für die Oper wichtig ist, sich weiterzuentwickeln und Neues zu wagen."

Wohin Eriksmoen langfristig strebt? In Richtung Belcanto, auch hin zu wüsteren Rollen. Die Wahnsinns-Arie der Lucia etwa reizt sie stark. "Aber ich denke, man sollte so etwas nicht zu früh machen." Darum hat sie ein einschlägiges Angebot, so schwer’s ihr fiel, auch ausgeschlagen. "Im Moment bleibe ich bei leichterem Repertoire."

Nur müsse man das eben auch beseelt spielen. Die Rolle der Puppe Olympia hasst Eriksmoen darum eigentlich besonders - abgesehen von einer Produktion mit dem Skandalregisseur Calixto Bieito. Der habe die Norwegerin unlängst wie ein Mittelding aus Sexpuppe und Raubtier hergerichtet. "Das war extrem, aber auch lustig. Ich konnte der Rolle dadurch wirklich etwas geben - und nicht nur mit den Wimpern klimpern."