Wien. Gerinnt Milch, wandelt sie sich zu Topfen. Wozu gerinnt eine "Interessenslage"? Simpel gesagt: zu einem diffusen Zustand. Clemens Mädge, Norddeutscher, Jahrgang 1983, suchte für sein Sprechstück "Geronnene Interessenslage" dramatische Sinnbilder für den Zustand einer Welt, in der Menschen leiden und Gott schweigt. Diese Ungeheuerlichkeit bewegte in der Nachkriegs-Sinnsuche der fünfziger Jahre Protestanten wie Samuel Beckett ("Warten auf Godot") und Ingmar Bergman ("Die Jungfrauenquelle") so wie den Katholiken Graham Greene. Hie "Gottsucherbanden", dort "Unterhaltungs-Idioten": So unterscheidet noch heute der Theoretiker Bazon Brock die Marktteilnehmer im Kulturbetrieb.

Im Textbuch von Clemens Mädge, entwickelt aus einem Autorenprojekt des Schauspielhauses 2012, purzeln ein depressiver Literaturprofessor, eine verzopfte Frau Lehrerin und ein sich nach Liebe sehnender, doch beziehungsunfähiger Angestellter aus Kästen, Kommoden, Schubladen eines Altmöbelhaufens. Als Hausmeisterin amtiert eine kreischende Alte (Margarethe Tiesel). Ihren Ehemann, der nie auftritt, führt das Programmheft als Gott mit Namen "Herr Otto". Gott Otto ohne Ottos Mops. Wie nicht dazugehörig behauptet eine besoffen durch die Welt torkelnde Ziehorgelspielerin mit Namen "Gratsche": Immer sei der Richtige zur Stelle, sie aufzufangen. So rettet auch schlampiges Gottvertrauen. "Gratschen" meint am Niederrhein ein unerträgliches Geräusch zu verursachen. Zum Beispiel Knochen sägen.

Clemens Mädges selbsttragendes Dialoggewebe in absurden und symbolistischen Traditionen erscheint im Schauspielhaus nicht im originalen Möbelchaosbild – und darum arg gezaust und schwer verständlich. Denn der junge deutsche Regisseur Robert Borgmann, mit Ewald Palmetshofers "die unverheiratete" (Akademietheater) soeben zum Berliner Theatertreffen eingeladen, setzt sich mit eigenen Ideen in Szene. Mehr als dem Originaltext vertraut er Brechts Weltverdrussbotschaft aus dessen an etlichen Szenenschlüssen eingespieltem Gedicht "Der Radwechsel": "Ich bin nicht gern, wo ich herkomme. Ich bin nicht gern, wo ich hinfahre, warum sehe ich den Radwechsel mit Ungeduld?".

Lichtbalkengeometrie (Dreieck, Quadrat, lateinisches Kreuz) beflackert eine finstere Bühnenleere. Die Spieler tragen für lange Zeit schwarze Strumpfmasken überm Kopf wie Puppen in Oskar Schlemmers Bauhaus-Phantasien. Borgmann bedient die Augen reichlicher als die Ohren. Durch die Gesichtsnetze hindurch träufelt Text genuschelt. Steffen Höld als Professor Goldwasser (Alchemie!) steht selbstquälend lang stramm vorübergebeugt. Ein vom Leben Verbogener. Richtig! Doch ohne Bauchatmung fehlt die Luft zur Artikulation. Die Gratsche (Myriam Schröder) ist reduziert auf die Lässigkeit einer Kleinstadtband-Leadsängerin. Angetörnt, ordinär. Nicola Kirsch dagegen als Lehrerin eine wuchtige Klarsprecherin in der sozialen Gemengelage. Gideon Maoz gibt einen unberechenbaren Bewusstseinlosen so wie er in Siegfried Kracauers Epochenbuche "Die Angestellten" steht.

Auf Borgmanns nacktem Bühnenboden liegt eine Würfellast, schwarz ummantelt, auf zwei Holzpaletten. Diese Kaaba en miniature wird hochhängt wie das Damoklesschwert, senkt sich im Finale vom Bühnenhimmel und drückt den Professor tot. Ein rächender, ein gütiger, gar ein politischer Gott? Jedenfalls ein Theatergott, der dieser Uraufführung nicht gnädig war. Warten auf den zweiten Versuch. Die Hoffnung gerinnt zuletzt.