"Wir Linke haben immer Scheu gehabt, ins rechte Horn zu stoßen", sagt Lukas Resetarits. - © Robert Newald
"Wir Linke haben immer Scheu gehabt, ins rechte Horn zu stoßen", sagt Lukas Resetarits. - © Robert Newald

Es ist sein 25. Programm in 38 Bühnenjahren: Am 4. März hat Lukas Resetarits’ "Schmäh" im Wiener Stadtsaal Premiere. In einer Probenpause hatte der Kabarettist Zeit für ein recht nachdenkliches Interview. Schmäh ohne.

"Wiener Zeitung": Ihr neues Programm heißt schlicht "Schmäh". Wo rennt er denn hin, der Schmäh?

Lukas Resetarits: Das wird natürlich keine didaktische Vorlesung. Für mich ist der Untertitel: Wo werden wir am Schmäh gehalten, was ist ein bochener Schmäh, was ein leiwander. Schmäh ist eine zutiefst ostösterreichische, wienerische Sprachphilosophie, da ist auch stark die jüdische Denkweise drin, wo man sagt, wie’s einem nicht geht, wenn man gefragt wird, wie’s einem geht. Dem wohnt eine Reflexion inne und das ist etwas Positives, das immer mehr abhanden kommt.

Also, wo werden wir am Schmäh gehalten?

Die weltweite Mainstreamkommunikation ist so dicht geworden, dass es schwerfällt, Alternativen zu finden. Mein Beispiel im Programm wird das blödeste Schimpfwort der letzten Jahre sein: Putinversteher. Wer eine nicht US-angepasste, US-genehme Verhaltensweise hat, wird automatisch als Putinversteher beschimpft oder ins rechte Eck zu Strache, Le Pen, Orban gestellt. Das seh ich nicht ein. Wenn man sich dann bissl umschaut - das ist das Positive am Internet -, dann sieht man, wie bei bestimmten Sätzen von Putin vorne und hinten was weggeschnitten wird. Es ist ja nicht so, dass ich jetzt Putin verteidige. Aber was ist denn ein Putin-Nichtversteher? Das ist noch blöder. Ich versteh ihn zumindest. Ob ich das gut finde, ist wieder eine andere Sache.

Auch die Pegida traut der "Lügenpresse" nicht . . .

Wenn man ein reflektierender Mensch ist, versucht man sich andere Quellen zu erschließen. Jetzt informiert man sich im Internet und muss höllisch aufpassen. Ich such als Erstes immer das Impressum, sonst ist man auf einmal bei der AfD. Weil bei den Rechten gibt es nicht nur Trotteln, da sind schon ein paar schlaue Menschen, die imstande sind, die Dinge so zu camouflieren, dass man nicht auf den ersten Blick draufkommt. Man darf nicht alle Themen den Rechten überlassen. Ich finde, dass die Linke es lange versäumt hat, Abkapselung und Selbstghettoisierung mancher Gruppen kritisch zu behandeln. Die Chance sehe ich in den Zuwandererkindern der zweiten, dritten Generation, die jetzt politisch oder journalistisch tätig sind. Wir Linken haben immer die Scheu gehabt, ins rechte Horn zu stoßen über was, das uns sehr wohl auch gestört hat, aber wir haben’s uns anders erklärt. Wenn jetzt der aus einer zugewanderten Familie stammende Mensch das auch so sieht, dann ist das sehr zu begrüßen. Damit man das Feld nicht den Dumpfbacken überlässt.

Das klingt alles eher unlustig.

Es soll schon lustig auch noch sein, ich geh ja auch nicht in ein Kabarett, wo ich nicht lachen kann. Das wär dieses 68er-Kabarett damals, wo die Leute mit versteinerten Gesichtern gesessen sind und sich erzählt haben, wie schlecht alles ist. Und dazu hat einer ganz schlecht getrommelt. Ich möchte auch, dass es mir Spaß macht. Obwohl mir der Optimismus, der mir ein Leben lang innewohnte, langsam verloren geht.

Grundsätzlich?

Ich fürchte, er verabschiedet sich langsam. Wenn ich in die Zukunft blicke, wie sehr die Schere auseinandergeht, nicht nur einkommensmäßig, auch bildungsmäßig, wie groß die Schichten sind, die ganz weit unten gehalten werden, wehrlos gehalten werden. Die haben nicht einmal mehr revolutionäres Potenzial! Es sei denn im arabischen Raum. Die Leute, die sich dort als Kämpfer sehen, das sind ja perspektivenlose Menschen, die haben nix - der kriegt eine Kalaschnikow, das ist das Beste, was er hat.

Welche Probleme wurden von der Linken vernachlässigt?

Ich sag jetzt ein nicht sehr reflektiertes Wort, das zwei Landeshauptleute verwendet haben: Integrationsunwilligkeit. Das ist zu kurz gedacht. Ich hab im Freundeskreis Lehrerinnen, ich kenn die Probleme, wenn Frauen nicht respektiert werden von Vätern oder männlichen Schulkindern. Aber das ist gesetzlich abgedeckt, da muss man nicht Schlagwörter konstruieren. Da muss man vorher eingreifen, Lehrer unterstützen in schwierigen Gebieten, die jungen Buben in der Pubertät, die keine Orientierungsbilder haben, wo abholen. Und mehr Geld in Bildung und Integration stecken statt in gepanzerte Hubschrauber. Es geht da um verlorene Generationen.

Schon vor Jahren haben Sie beklagt, dass das Publikum so schlecht informiert sei.

Das hat sich nicht gebessert. Es ist immer mehr so, dass man in den paar Minuten U-Bahnfahrt diese sogenannten Gratiszeitungen zu sich nimmt. Die wohlgemerkt nicht gratis sind, wenn man sich das Anzeigenvolumen anschaut, dann zahlen wir das alle selber. Man informiert sich flott, aber es ist halt sehr flach. Ich finde auch, dass der ORF mehr seinem Auftrag nachkommen und weniger mit dem "Unterschichtenfernsehen" der Privatsender konkurrieren sollte. Ich schau selten rein, aber das ist erschreckend, was den Leuten auf der RTL2-Ebene geboten wird. Dass der ORF zum Teil da mitspielt, diese amerikanischen Drecksserien sendet, das halte ich für fatal. Da wird wieder eine Bildungsschere aufgehen. Die einen werden sich das Abofernsehen leisten, wie "Breaking Bad" oder "Better call Saul", auf das ich schon sehnsüchtig warte. Und die anderen schauen sich den Schaß an, der bei uns am Vorabend rennt. Da sollte man, auch die EU, den Öffentlich-Rechtlichen mehr Freiheit gegenüber der Konkurrenz geben. In Frankreich interessanterweise: Werbeverbot. Und in Deutschland weniger Werbung als im ORF.