Im Zoo der Eitelkeiten: (v.l.n.r.) Oliver Stokowski, Johann Adam Oest, Caroline Peters. - © Georg Soulek
Im Zoo der Eitelkeiten: (v.l.n.r.) Oliver Stokowski, Johann Adam Oest, Caroline Peters. - © Georg Soulek

Theater mag für die Zuschauer ein schöngeistiger Ort sein, an dem der Mensch über sich selbst nachdenkt oder lacht. Aus Künstlerperspektive ist es ein Ort des Schauderns, eine kräfteraubende Arbeitsstelle - so präsentiert sich die Bühnenkunst jedenfalls in Roland Schimmelpfennigs Backstage-Farce "Das Reich der Tiere". Allabendlich reiben sich hier Schauspieler, die Sklaven der Unterhaltungsindustrie, für die Illusionsmaschinerie auf.

Auftritt Oliver Stokowski und Johann Adam Oest. Auf der unwirtlichen, bis auf wenige Stühle leergeräumten Bühne (Wilfried Minks) des Akademietheaters, entkleiden sich die Burgschauspieler bis auf die Unterhose. Oest beschmiert seinen Leib mit olivgrünlicher Paste; Stokowski bedeckt sich von Kopf bis Fuß mit weißer Schminke; ein paar schwarze Striche, und schon wird aus ihm ein Zebra. Oest wuchtet sich eine Löwenmähne auf den Kopf. "Live is life", trällert Opus aus dem Handradio, den Peter Knaack mitschleppt. Sorgfältig rührt Knaack eine Mischung aus Öl und Ei an, übergießt sich damit routiniert und beklebt sich kunstvoll mit bunten Federn. Ein bunter Vogel von grenzenloser Melancholie.

Kritik und Lamento


Gut 20 Minuten lang dauert die Verwandlung der Schauspieler auf offener Bühne in ein Zebra, einen Löwen, einen Marabu: Als Stück im Stück zeigt Schimmelpfennig eine "König der Löwen"-Paraphrase. Sabine Haupt stöckelt als Antilope auf gefährlich hohen Schuhen durch die kahle Szenerie; Caroline Peters gibt die grellgelb geschminkte Ginsterkatze.

Die Verkleidungsszene steht am Beginn der zweistündigen Aufführung - und ist zugleich einer ihrer Höhepunkte. Man könnte den Schauspielern lange dabei zusehen, wie sie sich in Tierfiguren verwandeln. Gesprochen wird dabei kaum, vielmehr verstricken sich die Akteure in einen amüsanten und tieftraurigen Parcours der Eitelkeiten.

Nach und nach dringt die Botschaft durch, dass das Ensemble, das jahrelang das Erfolgsmusical getragen hat, nicht mehr verlängert wird. Ein neues Stück steht am Plan mit Namen "Im Garten der Dinge". Spiegelei, Toastbrot, Pfeffermühle und Ketchup-Flasche. So lauten die neuen Rollenfächer für die Schauspieler.

Das Theater lebt von der Unverwechselbarkeit seiner Akteure. "Das Reich der Tiere" erzählt indes von Prozessen der Entindividualisierung an einer Bühne. Mit zunehmender Spielzeit zeigen sich die Mängel des Stücks, das sich viel vornimmt, dem es aber an Entschiedenheit und Schärfe fehlt: Schimmelpfennig, der erfolgreiche Gegenwartsdramatiker, setzt die berufliche Abwärtsspirale der Schauspieler als Metapher für eine inhumane Arbeitswelt, die Menschen in prekäre Arbeitsverhältnisse drängt und damit Angst vor Arbeitslosigkeit und sozialem Abstieg schürt. Die Dialoge sind dabei getränkt von Lamento, das zäh zwischen Empörung und Resignation pendelt. Besser glückt dem Autor, der das Stück nach seiner Berliner Uraufführung 2007 durch Jürgen Gosch nun in Wien selbst inszeniert, die Kritik am eigenen Metier.

Wie Philipp Hauß als gehypter Autor und Regisseur auf Zebra-Darsteller Stokowski einredet und ihm in aller Freundschaft der Erfolglosigkeit zeiht - das geht überaus pointiert und präzis vor sich. Mit einem "Du bist einfach nicht gut genug", drangsaliert der vom Erfolg verblendete Theatermacher Hauß sein Visavis, zeigt sich ahnungslos von den Wechselfällen des Erfolgs in einer Branche, die ständig nach neuen Ideen und Menschen giert.

Wie grotesk es schließlich werden kann, wenn dem Theater die Visionen ausgehen, zeigt das Schlussbild. Sabine Haupt trippelt als überdimensionierte Scheibe Toast auf das Podest; Oest stapft als gewaltiges Plastik-Spiegelei durch die Szene. Kämpft sich Caroline Peters als mannshohe Pfeffermühle auf die Bühne? Versucht Knaack als Ketchup-Flasche gute Figur zu machen? Das Verhängnis "Im Garten der Dinge" nimmt seinen Lauf. Skurril und schaurig.

theater

Das Reich der Tiere

Von Roland Schimmelpfennig

Mit: Johann Adam Oest u.a.

Akademietheater

Wh.: 7., 8., 11., 13., 18. März