In seiner wechselvollen Geschichte diente das Wiener Schauspielhaus schon einmal als Operntheater: Vor 15 Jahren brachte Hans Gratzer während der letzten Spielzeit seiner Intendanz barockes und modernes Musiktheater auf die Bühne. Wenn nun der scheidende Intendant Andreas Beck in seiner letzten Spielzeit das Haus ebenfalls zum Musiktheater umfunktioniert, steht er damit also in guter Tradition.

Dass "Das Gemeindekind" von Anne Habermehl und Gerald Resch, eine Adaption von Marie von Ebner-Eschenbachs gleichnamigem Roman, nun im Schauspielhaus und nicht in einer Bastion lyrischer Gesangskunst das Licht der Welt erblickt, macht aber noch aus anderen Gründen Sinn. Denn das "Singspiel", dessen Rollen sämtlich vom Schauspielerensemble des Hauses bestritten werden, räumt dem Sprechen bewusst ein Primat vor gesanglicher Virtuosität ein. Zeitgenössische Musik, von musikalischen Laien interpretiert - ob das gutgeht? Am Anfang hat man durchaus seine Zweifel: Die Schauspieler sind hinter den Musikern des fünfköpfig agierenden Ensembles Phace (Leitung: Mathilde Hoursiangou) postiert und singen eine Art Eröffnungschor, dem man die gespannte Konzentration anzumerken meint. Doch als die Handlung ins Rollen kommt, wird schnell klar: Zentrum ist hier das dramatische Geschehen, das auf dem mitreißenden Libretto basiert.

Raus aus der Nische


Wenn die Schauspieler beim Singen Unsicherheit zeigen, so laufen sie dafür beim Sprechen und Agieren auf fast leerer Bühne (Vincent Mesnaritsch) zu Hochform auf und lassen die Figuren in ihrer Gespaltenheit, Bitterkeit und Hoffnung greifbar werden. In Rudolf Freys minimalistischer Inszenierung verleiht Thiemo Strutzenberger dem "Gemeindekind" Pawel bis hin zur leicht gekrümmten Körperhaltung und schmerzlichem Lächeln eine eindrucksvolle Gestalt.

Prägte Rainer Werner Fassbinder mit seinen Lehrstücken den Begriff des Antitheaters, so könnte man "Das Gemeindekind" eine Anti-Oper nennen. Statt komplexer Tonfolgen hat Gerald Resch Phrasen komponiert, die einfach, aber nicht eingängig sind. Dass die Schauspieler beim Bewältigen der Vokalpartien nie die Perfektion von Profi-Sängern erreichen, passt zur Tristesse der Dorfbewohner.

Das Musiktheater hat im 20. Jahrhundert mit einer Reihe von Konventionen aufgeräumt, der institutionelle Rahmen und der artifizielle Gesangsstil blieben meist erhalten. Resch gebührt Respekt dafür, sich aus der Hochglanz-Nische hinausgewagt zu haben.