Was soll ein Endvierziger machen, der seinen gutdotierten Job in der Pharmabranche verliert? Pizzabote, Fahrradkurier oder Fastfood-Verkäufer? Oder doch einen Job im Vatikan, wo man ja bekanntlich erst mit 60 so richtig Karriere macht? Selbst das AMS kann Ludwig W. Müller nicht weiterhelfen, weil er entweder zu alt ist oder es am Aussehen scheitert. Und dass die Tochter gerade jetzt auch noch das neueste Handymodell haben muss, weil sie sonst bei den Selfies einen Krampf in der Schulter bekommt, macht den finanziellen Existenzdruck nicht leichter.

Also nimmt der passionierte Poet eine Stelle beim One-Man-Lokalradio in der selbsternannten Tigerregion Innviertel/Niederbayern an. Zwischen Verkehrsnachrichten und einer Reportage über eine Schiffstaufe sinniert er über den Sinn des (Arbeits-)Lebens, über die korrekte Betonung in der deutschen Sprache ("Es macht einen Unterschied, ob jemand einen Blíndenhund oder einen blinden Húnd kauft") und garniert alles mit passenden Reimen. Ganz nach seinem Motto: Wir wollen Versautes dichten, bis wir Verdautes sichten. Oder eine alte Kannibalenweisheit: Auch den Dünnsten kann man dünsten.

In seinem aktuellen Programm zeigt Müller, dass er nicht nur ein begnadeter (Schüttel-)Reimer ist, sondern auch eindrucksvoll verschiedenste Dialekte und Stimmlagen imitieren kann. Etwa als Radio-Seelsorger Pater Corbinian, der mit sanfter, salbungsvoller Stimme Hörerfragen beantwortet und den Menschen - das Ebenbild Gottes - ganz fortschrittlich als "Selfie der Schöpfung" bezeichnet. Oder als tschechischer Bäcker, der dank seines böhmischen Akzents eine heiße Liebensnacht erlebt. So unterhaltsam kann Lokalradio sein.

Ludwig W. Müller: Dichter Verkehr

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