"Die Bernhard-Figur ist das Gegenteil von mir": Andrea Jonasson im Bild mit Christian Nickel. - © Gallauer
"Die Bernhard-Figur ist das Gegenteil von mir": Andrea Jonasson im Bild mit Christian Nickel. - © Gallauer

"Wiener Zeitung": Diesen Donnerstag sind Sie in der Josefstadt in der Premiere von "Am Ziel" zu sehen, Ihrem ersten Thomas-Bernhard-Stück. Wie kommen Sie mit dem Autor zurecht?

Andrea Jonasson: Zum Teil amüsiere ich mich köstlich. Manchmal erschrecke ich. Dann denke ich wieder, dass er uns an der Nase herumführt, häufig stimme ich ihm zu. "Am Ziel" ist jedoch in vieler Hinsicht ein untypisches Bernhard-Stück, auch deshalb, weil es nicht in Österreich, sondern in Holland spielt. "Am Ziel" wirkt wie die Rache Bernhards an seiner Mutter, die ihn als Kind im Stich ließ.

Wie bewältigen Sie die ausufernden Monologe?

Es ist schwer. Ich hatte viele Rollen, in denen ich gewaltige Textmengen lernen musste, aber diese waren immer verbunden mit Spiel und Aktion. Jetzt sitze ich im ersten Akt in einem Sessel und rede eineinhalb Stunden lang - ohne dabei irgendetwas anderes zu tun. Das erfordert viel Konzentration.

Was treibt den Redemotor Ihrer Figur an?

Bernhard hat dem Stück ein Zitat von Pascal vorangestellt: "Wenn man die Sorgen des alltäglichen Lebens erkannt hat, wählt man die Zerstreuung." Ich denke, die Mutter zerstreut sich mit ihren Selbstgesprächen.

Die Figur schimpft dabei auch ausgiebig auf das Theater und die Theaterbesucher.

Das kann ich nicht ganz nachvollziehen. Überhaupt ist die Mutter das Gegenteil von mir.

Besonders deren Beziehung zu den Kindern ist von Eiseskälte geprägt.

Es gibt da keine Sentimentalitäten, kein Leiden, keine Psychologie. Das ist schwer zu spielen, mir geht das ans Herz.

Sie haben 24 Jahre mit Giorgio Strehler gelebt und gearbeitet. Wie hat der 1997 verstorbene Theatermacher, der zu den wichtigsten Regisseuren des Gegenwartstheaters zählte, Ihr Theaterbild geprägt?

Er hat mich unendlich geprägt. Er liebte Schauspieler mit Instinkt. Er bestärkte mich darin, meiner Intuition zu trauen, meiner Fantasie zu folgen. Als Regisseur konnte er einem Mut machen. Das fehlt mir. Er fehlt mir.

Leben Sie noch in Italien?

Ja, ich habe noch die Mailänder Wohnung, in der wir gelebt haben. Auf unserer Terrasse haben wir Bäume gepflanzt, es ist alles verwachsen, wie in einem Paradies. Die Wohnung ist sehr teuer, und ich weiß nicht, wie lange ich sie noch halten kann.