• vom 30.03.2015, 16:43 Uhr

Bühne


Burgtheater

Weltmeerisches Treibgut




  • Artikel
  • Lesenswert (4)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Hans Haider

  • Mitleid ja, Erschütterung nein: "Die Schutzbefohlenen" von Elfriede Jelinek am Burgtheater.

Nylonsackerl als Zombiemaske: Christiane von Poelnitz in "Die Schutzbefohlenen". - © apa/Techt

Nylonsackerl als Zombiemaske: Christiane von Poelnitz in "Die Schutzbefohlenen". © apa/Techt

Schwarz drapiert die Riesenbühne, schräge Wände, über dem Eingangsschlitz, im Fluchtpunkt aller Blicke, ein lichtdurchflutetes lateinisches Kreuz. Was sakrale Stille einmahnt wie die Leichenhalle einer Großgemeinde (Bühne: Olaf Altmann), gleicht ebenso dem Nachthimmel überm unendlichen Meer. Menschen zwängen sich unter dem Heilszeichen hindurch, plumpsen nacheinander ins Wasserbecken, tauchen vielmals wieder auf und stehen endlich schmerzverkrampft still. Nylonsackerl, weltmeerisches Treibgut, tragen sie als Zombiemasken überm Gesicht.

Im ersten Chorlied der Tragödie "Die Schutzflehenden" (Hiketiden) von Aischylos klagen die Danaiden-Töchter, angelandet am Strand ihrer Urheimat Argos, beim König ein heiliges Asylrecht ein. Dieses dialogische Gegenüber sitzt in Elfriede Jelineks nach antikem Muster gewebtem Hörtext im Parkett und in den Logen als stummer König Publikum.


Aus der Bittstellerrolle
"Mehr schützt als Burg Altar, ein unbrechbarer Schild", sang Aischylos ums Jahr 463 v. Chr. In Österreich heute ist das Kirchenasyl ein Recht unter der Hand. Asylwerber, die 2012 in Wien aus ihrem Protestcamp im Freien in die Votivkirche flüchteten, wurden wohl nicht vertrieben, sondern in ein leeres Kloster umgesiedelt. Damit entschwanden sie aber dem Gunstlicht solidarischer Medien. Im Theaterasyl (über Kunstzelebration als Religionssubstitut seit der Aufklärung wäre viel zu sagen) fanden sie, Elfriede Jelinek sei Dank, neue mediale Verstärkung. Schon mit ihrem Titeldreh zu "Die Schutzbefohlenen" will die Nobelpreisgewinnerin die Asylanten aus der Bittstellerrolle retten.

In der Mannheimer Uraufführung durch ihren Leibregisseur Nicolas Stemann, inzwischen in ganz Deutschland herumgereicht, wirkten neben Schauspielprofis originale Schutzflehende mit. Das Burgtheater wählte ein redliches Doppelspiel. Im Vestibül, in "die, should sea be fallen in?", stützten in der Woche davor Linguistikstudenten und der Dichter Peter Waterhouse Asylanten in der Artikulation ihrer Nöte im Umgang mit den Behörden. Auf der großen Bühne regiert die gebärdenreiche Verstellungskunst in der Regie von Michael Thalheimer. Mit den Stimmen von 16 zumeist ins Halbdunkel getauchten prominenten Erscheinungen, getrieben und gebremst von an- und abschwellenden Tongeneratorwellen (Musik: Bert Wrede), als statischer Chor mit Figuren oft wie im Schrecken erstarrt, peinigend exakt im Rhythmus und die individuellen Sprechfarben nicht zu Grau verrührt. "Wir leben. Wir leben. Hauptsache, wir leben", ruft er unisono zu Beginn, und zum Schluss, ganz hinten im versinkenden Licht: "Wir sind gar nicht da. Wir sind gekommen, doch wir sind gar nicht da." Von Jelineks Sprachgewebe dazwischen bleibt weit mehr als die Hälfte unaufgelöst, ungesprochen.

Mechanisches Sprachwerkl
Die Angst vor Eintönigkeit drängt, mit dem Wortfluss auch Solostimmen, ja bricht den antikisch hohen Ton mit Fremdsprech aus Döbling und Kagran; oder mit verächtlichem Lachen, wenn auf das Leid der Vielen das Glück Privilegierter prallt - Anna Netrebko empfiehlt sich zur Einbürgerung als Kunstfigur mit schwarzem Ballonunterbau samt endloser Schleppe (Kostüme: Katrin Lea Tag) und der Arie "Lascia ch’io pianga" aus Händels Kreuzritteroper "Rinaldo".

Thalheimers Chor-Orchestrierung verstärkt in ihrer peniblen Manier dieselbe in Jelineks Flächentexten: die so lustvollen wie zwanghaften Assoziationsketten, das Abklopfen jedes Worts nach möglichen Gleichklängen (Messias-Messie, Traumpass vom Amt und von Alaba), die Überprüfung von Mediendrall, Stammtischgegrunze, Amtsregular durch das Verdrehen derer Aussagen ins Gegenteil. Ein mechanisches Sprachwerkl ist angestartet, es läuft und läuft, bisweilen mit Kalauern geschmiert. Bis nix mehr fix ist und der Sinn ausläuft in ein Gefühlsmeer. Mitleid ja. Erschütterung nein. Einige Beherzte sagten bei der Premiere auf T-Shirts den Refugees ein Welcome. Ensemblestützen sammelten für den Flüchtlings-Bildungsfonds der Caritas.

Theater

Die Schutzbefohlenen

Von Elfriede Jelinek

Michael Thalheimer (Regie)

Wh.: 31. März, 2., 23., 27.,
29. April, 4. Mai




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2015-03-30 16:47:07


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Romantik auf Knopfdruck
  2. Die Kontrolle der Fakten
  3. 72 Minuten Todesangst
  4. Der Boom der Bauklötzchen-Architektur
  5. "Einschränkung von Pressefreiheit ist inakzeptabel"
Meistkommentiert
  1. "Einschränkung von Pressefreiheit ist inakzeptabel"
  2. Walter Hämmerle wird
    "WZ"-Chefredakteur
  3. Punkt! .
  4. Höllische Augenzeugen
  5. "Gefährliche Grenzüberschreitung" des Innenministers

Werbung



Tilda Swinton in einem Haute Couture Kleid des Designers Schiaparelli - das sich sogar in den Schuhen und Handschuhen optisch fortsetzt.

Gruppenbild der Jury: Präsident Guillermo del Toro (4.v.l.) gewann im Vorjahr den Goldenen Löwen für "The Shape of Water". Ganz links Venedig-Chef Alberto Barbera im Gespräch mit Christoph Waltz, ganz rechts:Biennale-Präsident Paolo Barratta. Werbung für Die Single "Baby I Love You" im Magazin Billboard 1959.

Sean Godwells Entwurf einer Kapelle erinnert beim ersten Auftritt des Vatikans auf der Architekturbiennale in Venedig auf den ersten Blick an einen aufklappbaren Würstelstand. Shepard Fairey vor seinem Mural am Wiener Flughafen.


Werbung