Um gleich die Frage zu beantworten, die sich Opernfans demnächst vorrangig stellen dürften: Die neue "Elektra" der Staatsoper "spielt in der Zeit um 1910 im Keller eines Wiener Palais". So jedenfalls steht es im Programmheft auf Seite 10 - auch wenn diese Behauptung eigentlich nur mit zwei zugedrückten Augen zu den tatsächlichen Kulissen passt. Rolf Glittenberg, Parade-Bühnenbildner des Hauses, hat ausnahmsweise keine Jugendstilwände zimmern lassen, dafür aber einen ziemlich kruden Mix. Zur Linken eine Art Kohlekeller, in der Mitte ein grell beleuchteter Paternoster, in den ein Schmierfink "Tötet" geschrieben hat, an den Bühnenrändern grindige Kachelwände. Aufsichtspersonal spritzt hier anfangs nackte Frauen mit Wasser ab. Warum? Regisseur Uwe Eric Laufenberg hat vorab erklärt, dass ihm die "Elektra" (1909) von Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal als Fanal für die Verheerungen des 20. Jahrhunderts gilt. Nimmt diese Waschung also womöglich auf die Lagergräuel totalitärer Systeme Bezug? Wer weiß. Klar ist am Anfang eigentlich nur: Laufenberg sucht sein Heil weniger in stringenten Bildern denn im Assoziativen.

Ziemlich herkömmlich

Sind die Frauen erst einmal in trockenen Tüchern, nimmt dann aber doch eine ziemlich herkömmliche "Elektra" ihren Lauf. Mit durchwegs animierter Personenführung. Es schreit die Tochter des dahingerafften Agamemnon also Zeter und Mordio und packt zu diesem Behufe eine Axt aus ihrem Koffer, es schneit die Chrysothemis zum schwesterlichen Meinungsaustausch herein - passenderweise weiß gekleidet, weil sie ja mehr am Kinderkriegen denn Rachemorden interessiert ist -, und: Es schleppt sich eine klapprige Klytämnestra herbei, die mit ihren Funkelsteinchen wie eine Glitzerleiche wirkt (Kraut-und-Rüben-Kostümmix: Marianne Glittenberg). Schön, dass wenigstens die sieche Agamemnon-Mörderin mit dem Paternoster herabkommt, wenn sie Elektra aufsucht. Täten das die anderen Sänger auch (statt einfach von der Seite auf die Bühne zu schlurfen), man würde mehr an den behaupteten Keller glauben.

Je später der Abend, desto verhaltensorigineller dann die Gäste. Orest erkennt seine Schwester hier fast biblisch, bevor sie ihn auf Rachemission schickt, und nach begangener Bluttat, in den letzten Opernminuten also, fackelt die Regie dann überhaupt noch ein erratisches Ideenfeuerwerk ab: Warum tanzt hier ein jubelndes Volk erst bieder und hampelt dann wie in einer Bauerndisko? Und wieso verschwindet Elektra in einem groben Männerhandgemenge? Beseitigen Machos die Amazone aus dem Mythos? So gut wie sicher war da eigentlich nur die Wirkung auf den Saal. Das direktorenseitig nicht unbedingt an die Wagnisse zeitgenössischen Regietheaters gewöhnte Publikum würde derlei zuletzt wohl kaum hutschwingend goutieren.

Brennheiße Blicke

Jubel war dagegen Nina Stemme sicher: Die Schwedin meistert ihr Elektra-Debüt mit brennheißen Blicken und einer ebenso textdeutlichen wie durchschlagskräftigen Stimme. Umgeben ist sie hier quasi von einem Geschlecht der Klangriesen: Ricarda Merbeth, kurzfristig als Chrysothemis eingesprungen, erweist sich vor allem sängerisch als Kaliber, Falk Struckmann (Orest) führt einen bombigen Bassbariton ins Treffen, und auch Wolfgang Bankl (Pfleger des Orest) imponiert, nebst einer schaurigen Klytämnestra (Anna Larsson) und einem eher unauffälligen Aegisth (Norbert Ernst), mit Schallmacht.

Solche Pferdelungen sind hier allerdings auch nötig - nicht nur, weil Strauss seinen nervösen Rachethriller so dick instrumentiert hat. Dirigent Mikko Franck entfacht vom ersten Ton an einen Dezibelsturm, der zwar Klangmalereien zu bombastischer Wirkung bringt, in seinem Ungestüm aber fürchten lässt, im (an sich gut disponierten) Orchester säßen die Furien selbst.

Die weilten allerdings doch eher im Saal: Hatte das Publikum nach dem Schlussvorhang erst einmal Nina Stemme bejubelt und sich dann an Franck warmgebuht, krakeelte es Laufenberg zuletzt mit einem veritablen Wut-Orkan nieder.

Oper

Elektra

Wiener Staatsoper

Wh.: 1., 4., 7., 11., 16. April