Boris Eifman - das ist Drama pur: aufwendige Kostüme, opulente Bühnenausstattung, die mithilfe der ausgeklügelten Lichtregie erst so richtig bedeutungsschwanger wird. Doch hier nicht genug. Seine Musikwahl unterstreicht eine ausdrucksstarke Choreografie, in der er zwischen Klassik, Neoklassik sowie Gegenwart changiert und ein Psychogramm einer außergewöhnlichen Lebensgeschichte vertanzt. Schon die 2006 in der Volksoper gezeigte "Anna Karenina" entstand aus diesen Zutaten, sein "Giselle Rouge", das am Sonntag im Haus am Währinger Gürtel Premiere feierte, ebenfalls.

Der russische Choreograf bedient sich der Biografie von Olga Spessiwzewa (1895 bis 1991) und erzählt die Lebensgeschichte der Tänzerin parallel zur Handlung des romantischen Ballettklassikers "Giselle". Denn die Rolle des Bauernmädchens, das, unglücklich verliebt, dem Wahnsinn verfällt, ähnelt dem wahren Leben der Spessiwzewa, die aber auch mit der Darstellung genau dieser Rolle im Russland des frühen 19. Jahrhunderts zum Ballettstar wurde.

Umjubelte Ballerina


Eifman zeichnet Spessiwzewas Karriere beginnend im Ballettsaal à la Edgar Degas’ Gemälde nach - als ehrgeizige Schülerin wird sie bald mithilfe ihres Lehrers zur umjubelten Solistin. Ihre Hass-Liebe zu einem mächtigen russischen Kommissar lässt sie nach Paris flüchten, wo sie sich als Künstlerin aufgrund der dortigen zeitgenössischen Entwicklung erst neu finden muss. Aufgrund unerwiderter Liebe ihres homosexuellen Mentors verliert sie nach und nach ihre geistige Klarheit, bis sie schließlich in eine Anstalt eingewiesen wird.

Musikalisch wählte Eifman Stücke von Tschaikowski, Schnittke, Bizet und Adam, die trotz ihrer Unterschiedlichkeit vom Volksopern-Orchester unter Dirigent Andreas Schüller mit überzeugender Sicherheit zu hören waren. Eifmans Inszenierung lebt von den Ersten Solisten des Wiener Staatsballetts, das Ensemble schmückt diese - wenn auch manchmal etwas ungenau. Doch sie wirbeln als Darsteller des russischen Volks temperamentvoll über die Bühne und schwingen als Franzosen entzückend kokett ihre Hüften zu Charleston-Klängen. Olga Esina tanzt die Rolle der Olga Spessiwzewa beeindruckend authentisch: Sie stellt die emotionale Entwicklung glaubhaft dar, wechselt spielerisch, aber nie künstlich, ihre Mimik, Gestik und die unterschiedlichen Tanzstile. Eno Peci gibt ihren besorgten Lehrer, der sie wortwörtlich auf Händen trägt. Bis er in ihr Leben tritt: Kirill Kourlaev.

Die dunkle Macht


Sein Kommissar verkörpert die dunkle Macht, zu der sich die Ballerina hingezogen fühlt. Esinas und Kourlaevs Duette sind an Präzision, Ausdruckskraft und dynamischem Fluss kaum zu überbieten - gebannt beobachtet man als Zuseher diese emotionale Achterbahn. Und auch Roman Lazik zeigt sich in Hochform: Geschmeidig und wendig ist sein Solo als Pariser Mentor. Und dann donnert das Ballett bildgewaltig seinem Finale entgegen: Olga Spessiwzewa steigt unter Nebelschwaden aus einem halbkugelähnlichen Metallgerüst, das einem Jules-Verne-Roman entliehen sein könnte - Esina und Lazik tanzen in der Psychiatrie. Drama regiert diesen Ballettabend - das mag man, oder mag es eben nicht.

Ballett

Giselle Rouge

Von Boris Eifman

Musik von P. I. Tschaikowski,

A. Schnittke, G. Bizet, A. Adam

Andreas Schüller (Dirigent)

Wiener Staatsballett

Wiener Volksoper

Wh.: 15., 27. April, 3. und 11. Mai