• vom 20.04.2015, 16:01 Uhr

Bühne

Update: 20.04.2015, 16:11 Uhr

Burgtheater

Abgrund in Gedächtnislücken




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Von Christina Böck

  • "Die Affäre Rue de Lorcine" im Burgtheater: der Restalkohol und seine Gefahren für die bürgerliche Moral.

Zu wenig Entgiftung: Michael Maertens (l.) und Nicholas Ofczarek im Orientierungstaumel. - © apa/Schlager

Zu wenig Entgiftung: Michael Maertens (l.) und Nicholas Ofczarek im Orientierungstaumel. © apa/Schlager

Derangiert ist ein Hilfsausdruck. Monsieur Lenglumé ist ein Cartoon der Jämmerlichkeit, als er aus seinem Schlafzimmer wankt. Dabei weiß er da noch gar nicht, dass alles noch schlimmer wird. Dass er womöglich eventuell unversehens ein Kapitalverbrechen begangen hat. In Eugène Labiches Komödie "Die Affäre Rue de Lorcine" erwacht jener Lenglumé nach einer durchzechten Nacht neben einem Mann. Durch allerlei Gegebenheiten werden die beiden überzeugt davon, dass sie ein junges Mädchen umgebracht haben. Im Burgtheater ist dieses Stück nun in einer Inszenierung von Barbara Frey und Bearbeitung von Elfriede Jelinek zu sehen. Die beiden mutmaßlichen Totschläger Lenglumé und sein Sauf- und Bettkumpan Mistingue werden von Nicholas Ofczarek und Michael Maertens gespielt.

Es ist ein recht intimes Stück für eine Bühne wie die des Burgtheaters. Die wird hier, die Tradition des lustigen Türenknallens in Komödien zitierend, von sechs roten Samtportalen durchbrochen. Die sind auch Running Gags, aber anders als man sich gemeinhin erwartet. So ist nicht immer das hinter der Tür, was zuvor noch da war. Das beginnt harmlos, wenn das Badezimmer plötzlich von einem Spirituosenschrank ersetzt wird. Es wird aber existenzieller, wenn geballtes Gebein aus dem Loch grinst. Oder am Ende der dunkle Abgrund einer schwarz gewordenen Seele aus dem roten Samt klafft.


Man sieht schon: Barbara Frey lag einiges daran, dieses Stück nicht als reines Lustspiel zu interpretieren. "Die Affäre Rue de Lorcine" mag manchen als gar seichtes Komödchen anmuten, andere wiederum sehen in ihr Potenzial des absurden Theaters. In diese Beckettsche Richtung drängt sie auch im Burgtheater. Da liegt etwa in der linken Ecke ein Haufen Müllsäcke, in dem es sich mitunter rätselhaft regt. Madame Lenglumé hat aber eine Schaufel parat, mit der sie mit ekstatischer Brutalität hineinschlägt. Maria Happel traut man als Frau des Lenglumé die Gewissenlosigkeit noch einen Tick mehr zu als ihm. Immerhin schenkt sie ihrem Mann zum Namenstag Tabak in einer Urne.

Doch das mit dem Gewissen ist so eine Sache. Das ist nämlich reichlich unpraktisch, wenn einmal die Existenz bedroht ist. Was mit unfreiwillig zynischen Aussagen wie "Nie wieder werde ich ein Mädchen mit Kohle ermorden, allein der Dreck, den das macht!" beginnt, führt dazu, dass die beiden Partyleichen feststellen, dass es nicht reichen wird, Spuren loszuwerden. Solange es Zeugen gibt. Und dann ist plötzlich der Weg vom bürgerlichen Steinbutt-Esser zum kaltblütigen Mafioso nicht mehr weit.

Ofczarek und Maertens sind wie immer ein kongeniales Duo. Der Erstere schlurft seinen für alkoholische Rollen typischen Zehenspitzengang, zeichnet aber ein subtiles Bild der moralischen Zerbröselung, ohne zu viel Komödiantik auf der Strecke zu lassen. Maertens gibt einen struppigen Orientierungslosen im Schnapsflaschen-Kaleidoskop. Ein Höhepunkt ist sicher der wahrscheinlich erbärmlichste Slapstick der Vaudeville-Geschichte, in dem eine Frackweste und ein Kleiderbügel eine Rolle spielen.

Fassaden-Labyrinth
Peter Matic spielt Cousin Potard, der Zeuge des Verbrechens oder auch wieder nicht ist, mit derselben kühlen Ruhe, mit der er sich von Lenglumé glatzenbeschmusen lässt. Markus Meyer unterfüttert den Diener Justin mit einer schneidenden Verachtung für seine Arbeitgeber. Eine solche bliebe auch Lenglumé nur für sich über. Wenn er sich in seinem Fassaden-Labyrinth noch ein bisschen auskennen würde. Nur blöd, dass immer so wenig Wasser, aber so viele Weinflaschen am Tisch stehen.

Theater

Die Affäre Rue de Lorcine

Burgtheater

Wh.: 21., 24., 26. April, 2., 8., 14., 17., 27. Mai




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2015-04-20 16:05:07
Letzte Änderung am 2015-04-20 16:11:06


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