Mit sich selbst zusammenstoßen, niederfallen, aufstehen und wieder in die falsche Richtung eilen: In der 90-Minuten-Slapstick-Comedy "Kafka" spielen fünf Simultanfiguren Szenen einer Ehe, zu der es nie kam. Franz Kafka in Prag, Felice Bauer in Berlin. Eine Liebe am Postweg 1912 bis 1917 mit nur wenigen Tagen Zusammensein. Zweimalige Verlobung, zweimalige Entlobung. Kafkas Briefe an das Bürofräulein mit Schauspielambitionen wurden 1967 veröffentlicht. Sie sind der rote Faden in Elmar Goerdens "Kafka" in der Josefstadt. Erinnerungsmarken für Kenner und Spaß für jedermann. Zwei Abende in einem.

Jedoch das Primum movens dieses literarischen Briefwerks kommt zu kurz: die Liebe. Im Vergleich mit Kafkas wortmächtiger Verhaltenheit, Zärtlichkeit, metaphorischer Kraft muss sich jeder liebende Skribent seither als tumber Dolm fühlen. Unvermittelt bleibt auch das scheinbare Wunder, dass sich Kafka zeitgleich, aus den Katastrophen dieses Fernversuchs schöpfend, als Schreibender in höchste Höhen aufschwang.

Goerdens virtuoser Verschnitt von Briefstellen an verschiedene Adressaten, von Zitaten aus Erzählungen ("Der Jäger Gracchus"), Prosafragmenten ("Resi und Alba") und Tagebüchern will das Komische an die Bühnenrampe stellen. Ein notwendiger Fingerzeig. Denn Kafkas Name kam in Gebrauch als Chiffre für alles Dunkle, Unerklärbare, Bedrohende. Was wird nicht alles "kafkaesk" geheißen!

Blumen und Schreibzwang


Silvia Merlo und Ulf Stengl bauten die Bühne in schwarz-weißer Op-Art (eine Reverenz an die Prager kubistische Avantgarde) buchstäblich ins Eck. Ausweglosigkeit, Endstation für die vier Comedians (Alexander Absenger, Peter Kremer, André Pohl, Toni Slama) und eine Kraftfrau (Maria Köstlinger). Fünfmal Mensch Kafka. Den seine Hypochondrien ins Eck drängen; dem Briefpfeile durch die Luft zufliegen; dem aus dem Bühnenboden eine Blume - Szenenapplaus - zuwächst; der seine Nachtschreibarbeit ritualisiert und seine Ängste vor dem Heiraten katalogisiert; der mit sich selbst das Ende seiner Verlobung verhandelt; der selber seine verstreuten Blätter birgt als sein Freund und Nachlass-Retter Max Brod; und den zuletzt der Schreibzwang die Wände hochtreibt.

In dieser szenischen Litanei stehen die fünf zu jeder Sekunde unter Strom. Sie geben den Kafka-Zitaten ihren gestischen und mimischen Segen - gemäß jeder Kasperlnatur leicht überkonturiert. In den "innersten Raume eines ausgedehnten, abgesperrten Kellers" möchte sich der Dichter "mit Schreibzeug und einer Lampe" zurückziehen. "Was ich dann schreiben würde! Aus welchen Tiefen ich es hervorreißen würde! Ohne Anstrengung! Denn äußerste Koncentration kennt keine Anstrengung. Nur, daß ich es vielleicht nicht lange treiben würde und beim ersten, vielleicht selbst in solchem Zustand nicht zu vermeidendem Mißlingen in einen großartigen Wahnsinn ausbrechen müßte."

Bühne

Kafka

Von Elmar Goerden (Collage, Regie). Theater in der Josefstadt. Wh.: 26. April, 4. bis 6., 21. Mai, 13., 14. Juni