Nicht einmal das Opernheiligtum schlechthin ist hier vor Satire sicher - also das Pathos. Erster Schluchz-Einsatz des Tenors: "Ich liebe Norina, nur ihr gehört mein Herz." Weiter kommt der Mann aber nicht. Denn sein alter Onkel fällt ihm ins Wort. Zwar ist es dann vor allem dieser prosaische Don Pasquale, den die gleichnamige Oper Gaetano Donizettis durch den Kakao zieht: von der Aussicht auf ein reiches Mädchen geblendet, wankt er auf tapsigen Freiersfüßen. Doch auch die abrupte Art, wie sein Neffe Ernesto, der unverbesserliche Schwärmer, anfangs wenige Takte lang schmachtet, ist nicht frei von Komik. Auch die ganz große Pose, scheint die Partitur da zu sagen, ist bis zu einem gewissen Grad - eben nur Pose.

Anrührender Oldie

Insofern kann man sich kaum mokieren, dass Irina Brook das Stück mit trashiger Ironie auf die Staatsopernbühne gestellt hat: Wenn Ernesto - sein Onkel ist hier Prinzipal eines heutigen, etwas abgewrackten Nachtklubs - seiner Norina ein Ständchen bringt, geschieht dies zwischen blinkenden rosa Mini-Palmen (Bühne: Noëlle Ginefri-Corbel) und mit Unterstützung einer Mexikaner-Band, die so unauthentisch aussieht, als wäre sie Rex "Hossa!" Gildo entlaufen.

Woher die Mannen gekommen sind? Man weiß es nicht. Die grelle Optik ist dagegen Spätfolge jener Mogelpackung, die ein listiger Kurpfuscher namens Malatesta Don Pasquale untergejubelt hat: Ab Vertragsunterfertigung entpuppt sich die vermeintlich sanfte Braut als Satansbraten und macht dem Oldie auch mit den Mitteln einer Innenarchitektur die Hölle heiß, die die Fetischobjekte des "Natürlich Blond"-Universums (knalliges Rosa und Chihuahua-Fotos) auf die Bar von Pasquale überträgt. Den gilt es nun in einem Peinigungsparcours zu nerven, bis er seine Braut - in Wahrheit: Ernestos große Liebe - an diesen abtritt. Mit Mitgift, versteht sich.

Freilich: Dass dies hier dann auch eine Nebenbuhlerjagd mit Schmetterlingsnetz zeitigt, ist Geschmackssache. Und man könnte auch meinen, dass der Regiefantasie allmählich die Luft ausgeht, wenn sie eine gigantische Diskokugel in Gang setzt. Da sind die zweieinhalb italienischen Opernstunden aber auch schon in die Zielgerade eingebogen, und Brook hat ihnen weitgehend vitale Dienste erwiesen. Vor allem in Sachen Personenführung. Das Glanzstück dabei: die Erstbegegnung zwischen Lustgreis und Braut in spe - sie fast ein Automat in ihrer Sittsamkeit, er ein grotesk aufgemaschelter Galant, hochnervös und weiß Gott kein böser Mann. So locker dieser arme Teufel mit dem Schal scharwenzelt, lässt ihm der Angstschweiß doch das Toupet davonschwimmen. Wieder und wieder. Michele Pertusi singt diesen Fünf-vor-zwölf-Kavalier achtbar; vor allem aber begeistert er mit einem schauspielerischen Zickzackkurs zwischen Alphatier-Getue und Altersnarretei.

Unsortiertes Orchester

Valentina Nafornita wiederum hat sichtlich Freude am Part der Norina, den Brook zur jungen Schauspiel-Grazie umgedeutet hat. Den schlanken Körper in Vamp-Outfits gepackt, ist sie ein biestiges Springinkerl, das beizeiten fulminante Spitzentöne zuschaltet. Am komplettesten Juan Diego Flórez: Der gebürtige Peruaner, hier als Ernesto ein schicker Schlawiner, gebietet nicht nur über schauspielerische Charmekräfte, er ist auch mit seinem inbrunstsatten, dabei dynamisch geschmeidigen Tenor eine sichere Bank. Alessio Arduini wiederum führt eine eher pastose Stimme, verleiht dem Kurpfuscher Malatesta aber urkomische Gestalt (und erinnert mit Vollbart und gelbem Kleid kurz an eine gewisse Song-Contest-Siegerin). Saubere Töne kommen zudem von Wolfram Igor Derntl (Notar) und dem (putzenden) Chor.

Vom Orchester kann man das leider nicht behaupten. Zwar kehrt nach einem Kavalierstart allmählich Ordnung in die - an sich philharmonische - Gemengelage ein. Unter der Führung von Jesús López Cobos kommt die rhythmische Präzision aber nicht über Annäherungswerte hinaus, und auch die Streicherintonation schlingert mitunter bedenklich. Dennoch: Abgesehen von einem einsamen Buhrufer zuletzt einhelliger Beifall für alle Beteiligten.

Oper

Don Pasquale

Von Gaetano Donizetti

Wh.: 29. April, 2., 5., 8., 11. Mai