Im zerstörten Innenraum des Wiener Burgtheaters erkennt man deutlich die mit Holzgerüst gestützte Kaiserloge. Die Aufnahme stammt vom 17. August 1945 (ÖNB US 127). - © Archiv Burgtheater
Im zerstörten Innenraum des Wiener Burgtheaters erkennt man deutlich die mit Holzgerüst gestützte Kaiserloge. Die Aufnahme stammt vom 17. August 1945 (ÖNB US 127). - © Archiv Burgtheater

Der Zweite Weltkrieg war noch nicht zu Ende, als im bereits befreiten Wien einige Theater ihren regulären Spielbetrieb aufnahmen: auf Anordnung des sowjetischen Kulturoffiziers Minor Lewitas mit einer Wiedereröffnung des Burgtheaters am 30. April 1945 als Signal dafür, dass nun im wiedererstandenen Österreich ein der eben angebrochenen Friedenszeit gemäßer Alltag begann. War doch ab Herbst 1944 allen Bühnen des NS-Reichs wegen des "totalen Krieges" von Goebbels eine Theatersperre auferlegt worden.

Raoul Aslan, der elegante Grandseigneur des Burgtheaters, der erst am 20. April nach dem Rücktritt des seit 1939 amtierenden Lothar Müthel auf Wunsch des Ensembles die interimistische Leitung übernommen hatte, befand sich trotz des ehrenvollen Auftrags in einer schier aussichtslosen Situation. Wo sollte man spielen? Das Haus am Ring war eine Ruine. Es hatte zwar einen Bombenangriff am 21. Februar noch mit geringfügigen Schäden überstanden; am 12. April brach jedoch bereits gegen Ende der Kampfhandlungen aus ungeklärter Ursache ein Brand aus, dem nur die Außenmauern und die Stahlkonstruktionen standhielten hatten. Das Akademietheater, das am 19. Mai wieder eröffnet wurde, war zwar intakt, aber für die Festpremiere benötigte man ein großes Haus. Bei der hektischen Suche nach einem Ausweichquartier entschied man sich für das leer stehende Theater-Varieté Ronacher auf der Seilerstätte.

"Große Vergangenheit"


Als Eröffnungsvorstellung wurde - gleichfalls eher eine Notlösung als die Huldigung eines österreichischen Klassikers - Grillparzers "Sappho" in einer Inszenierung von Adolf Rott aus dem Jahr 1943 angesetzt. Die Protagonistin Maria Eis befand sich in Wien, Aslans Lebenspartner Tonio Riedl studierte in wenigen Tagen den Phaon ein, Julia Janssen übernahm die Melitta. Als Dekoration diente eine mit schwarzen Samtvorhängen ausgeschlagene Stilbühne.

Da ab 20 Uhr Standrecht herrschte, mussten die Vorstellungen bereits um 17.30 Uhr beginnen. Obwohl in der durch Kriegsschäden schwer gezeichneten Stadt keine öffentlichen Verkehrsmittel zur Verfügung standen und auch die Stromversorgung zeitweise zusammenbrach, war das Haus, wie berichtet wird, so gut wie ausverkauft. Dies sollte sich auch bei den 17 Reprisen nicht ändern. Aslan begrüßte das Premieren-Publikum - darunter auch der erst mit Verspätung eingetroffene Marschall Tolbuchin - mit einer kurzen programmatischen Ansprache: "Das Burgtheater ist eine Idee, und sie ist verkörpert in seinen Künstlern, in seinen Arbeitern und nicht zuletzt in seinem Publikum. Damit diese Idee auch lebendig bleibt, muss sie wirken und Zeugenschaft ablegen." Er verwies auf den Zustand des Hauses, das derzeit zwar "innerlich ausgebrannt" sei, aber gewiss die "große Tradition" des nun wieder auferstandenen "österreichischen Staatstheaters" aufgreifen werde und "in seinem alten Glanz wiedererstehen" werde.

Einmal mehr wird das Burgtheater in dieser Rede - wie schon mehrmals im Verlauf der Geschichte - zum Symbol einer österreichischen Identität. Schon im September 1945 legte ein ehrenamtliches "Komitee für den Wiederaufbau der Staatsoper und des Burgtheaters" seine Geschäftsordnung vor. Nicht nur der - trotz vordringlicherer Alltagsbedürfnisse - beschlossene Wiederaufbau der Prunkgebäude, sondern auch deren "Wiederinstandsetzung (. . .) als Kunst- und Kulturinstitute" wurde, wie Bundespräsident Kirchschläger 1985 betonte, im "ersten Dezennium der Zweiten Republik" als eine "Aufgabe staatspolitischen Charakters" wahrgenommen.

Wie aber kam das Burgtheater dieser Aufgabe in den Jahren des Wiederaufbaus nach? Aus kulturpolitischer Sicht kann man die Gastspiele dazu zählen, die während jener Jahre in St. Pölten, Linz, Salzburg, Innsbruck und auch einer Reihe kleinerer Städte absolviert wurden, sowie Tourneen in die Schweiz, nach Holland und in die BRD. Ab dem Sommer 1949 stellte man sich alljährlich mit einer Produktion bei den Bregenzer Festspielen ein. Im Rahmen des "Theaters der Jugend" wurden ausgewählte (Nachmittags-)Vorstellungen angeboten und ab 1952 hatten Jugendliche in Wien und Niederösterreich Gelegenheit, die gefeierten Bühnenstars aus nächster Nähe zu bewundern.

Künstlerisch hingegen erscheinen die sicherlich strapaziösen Jahre im bühnentechnisch unzulänglichen Ronacher als eine Zwischenzeit, während derer man die nicht immer zufriedenstellende Gegenwart des Burgtheaters als Versprechen für eine Zukunft sah, in der die legendäre "große Vergangenheit" endlich wieder zu ihrer Vergegenwärtigung finden würde. Dass man von dieser Vergangenheit nur wahrnahm, was man wahrnehmen wollte, eine offene Auseinandersetzung mit den Jahren zwischen 1938 und 1945 scheute und auch in der Literatur über das Burgtheater bis in die 80er Jahre eine subkutan bewahrte österreichische Kontinuität suggerierte, lässt sich allerdings nicht übersehen.

Dass man zunächst einige Inszenierungen aus der Müthel-Ära im Repertoire behielt, war wohl nicht zu vermeiden. Immerhin stand als erste Neuproduktion am 13. Juni 1945 mit dem "Jedermann" von Hugo von Hofmannsthal ein in der NS-Zeit verfemter Autor auf dem Programm. Bald darauf folgten Molnárs "Liliom", "Jaákobs Traum" von Richard Beer-Hofmann, ein wenig später "Weihnachtseinkäufe" und "Liebelei" von Arthur Schnitzler. Von den Exilautoren standen Franz Theodor Csokor, Ferdinand Bruckner, Carl Zuckmayer und vor allem Fritz Hochwälder auf dem Spielplan. Vor Bertolt Brecht, Ödön von Horváth schreckte man jedoch bis zu Beginn der 60er Jahre zurück.