Die "schmerzlich Vermissten"


Was das fraglos ausgezeichnete Ensemble betraf, verwies Aslan in seiner Rede nur beiläufig darauf, dass "unsere Schar nicht vollzählig" sei. Mag sein, dass er dabei auch der 1938 vertriebenen Ensemblemitglieder gedachte. Ausgesprochen wurde es freilich nicht, wie man auch das Wort "Emigrant" tunlichst vermied. Lieber begrüßte man jene, die aus dem Exil zurückkehrten, als die "schmerzlich Vermissten" und endlich dem Publikum "wieder Geschenkten" - wie Else Wohlgemuth, die bei ihrem ersten Auftreten im Dezember 1945 mit minutenlangem Applaus überschüttet wurde. Wie es den Heimgekehrten während der sieben verflossenen Jahre ergangen sein mochte, fragte man nicht.

So erwähnt Josef Schreyogl in seinem Burgtheater-Buch (1966) mit keinem Wort, dass die nach Jugoslawien geflüchtete Lilly Karoly nur durch Zufall der Deportation nach Auschwitz entging, als er ihre Rückkehr im Sommer 1945 schildert: ",Jessas, die Karoly‘, hatte Professor Buschbeck in seinem kleinen Büro im Ronacher, freudig überrascht ausgerufen und sich über die Augen gewischt, als könne er nicht glauben, seine ehemalige Charakterspielerin leibhaftig wieder vor sich zu sehen." Auch der Name Fritz Strassni (recte: Stiassny), seit 1909 Ensemblemitglied, 1942 in Theresienstadt verstorben, wird in der Burgtheater-Literatur nur selten genannt. Offizielle Bestrebungen, im Exil verbliebene Schauspieler zurückzuholen, gab es nicht. Doch Egon Hilbert, von 1946 bis 1953 Leiter der Bundestheaterverwaltung, bemühte sich engagiert um individuelle Kontakte: Ein Engagement Fritz Kortners scheiterte an Terminproblemen. Leopold Lindtberg, wie Kortner gebürtiger Wiener, schlug zwar das Angebot, nach Aslans Rücktritt (1948) Burgtheaterdirektor zu werden, aus, kam dafür aber aus seinem Exilland Schweiz regelmäßig als Gastregisseur nach Wien. Als Direktor gewann Hilbert schließlich Josef Gielen vom Teatro Colon, der bereits 1937 an der Burg inszeniert hatte und danach mit seiner jüdischen Frau nach Buenos Aires emigriert war.

Gielen verpflichtete seinerseits seinen Schwager Berthold Viertel als Hausregisseur, der in seinen sorgfältig probierten Inszenierungen - erwähnt seien etwa "Endstation Sehnsucht" und "Glasmenagerie" von Tennessee Williams - keinen falschen Ton des zum Teil noch nachwirkenden "Reichskanzleistils" durchgehen ließ.

Einfluss der Alliierten


Aus dem Spielplan unter Raoul Aslan lässt sich der Einfluss der Besatzungsmächte auf den Spielplan noch ziemlich deutlich ablesen, wobei die klassische Dramatik Russlands ziemlich bald in den Hintergrund geriet. Je länger die Besatzungszeit dauerte, umso deutlicher äußerte sich auch das Österreich-Bewusstsein im Burgtheater. Wieder einmal bewährte sich dafür 1949 Grillparzers historisches Trauerspiel "König Ottokars Glück und Ende", diesmal in der Regie von Ernst Lothar, der durch einen geschickt gesetzten Strich einen Hauptmann vermelden ließ: "Noch immer liegt / Besatzung im Lande Österreich; / Das soll nicht sein, befiehlt mein Herr und Kaiser. / Dies abzustellen kam ich her." Überflüssig zu sagen, dass da verlässlich Szenenapplaus einsetzte.

Die Inszenierung stand bis 15. Jänner 1955 auf dem Programm. Neun Monate später wurde das wiederaufgebaute Haus am Ring wiedereröffnet: Und Österreich feierte seine durch den Staatsvertrag wiedergewonnene Souveränität mit einer neuen Produktion von "König Ottokars Glück und Ende". Dass man die den 26. Oktober 1955 gewissermaßen umrahmende Wiedereröffnung von Burg und Oper damals als "Austrian Coronation" würdigte, sei wenigstens am Rande vermerkt.