"Wiener Zeitung": Die Afrikanerin Fatou, die Protagonistin Ihrer jüngsten Erzählung "Die Botschaft von Kambodscha", die nun in Wien dramatisiert wurde, wandert nach Europa aus, wo sie auf alle möglichen Arten ausgenutzt wird. Warum setzt sich Fatou nicht zur Wehr?

Zadie Smith: Es mag ja sein, dass Fatou passiv erscheint, aber wenn man bedenkt, was sie hinter sich hat, wird deutlich, wie unglaublich stark sie ist. Fatou stammt aus einem afrikanischen Dorf, sie flieht in eine europäische Großstadt. Sie kommt vielleicht aus einem Land wie Gambia, Sierra Leone oder der Elfenbeinküste, wo Frauen nach wie vor ohne Elektrizität, Kanalisation und sauberes Wasser leben müssen, wo Frauen in Subsistenzwirtschaft arbeiten und so gut wie keine Schulbildung haben. Ich kann nicht behaupten, dass ich weiß, wie sich Armut anfühlt. Ich erahne aber, dass es mehr Mut und Kampfgeist braucht, um diesen Alltag zu bewältigen, als die meisten Europäer in ihrem ganzen Leben entwickeln.

Fatou arbeitet als Hausangestellte. Man begegnet ihr respektlos, sie erhält keinen Lohn. Dennoch legt sie Wert darauf, sich selbst nicht als Sklavin zu betrachten. Warum negiert Sie hartnäckig ihre Realität?

Es geht um Selbstwertgefühl im Umgang mit der eigenen Identität und den kulturellen Wurzeln. Im Grunde können die Westeuropäer auf ihre Errungenschaften der vergangenen Jahrhunderte mit Stolz und Selbstsicherheit zurückblicken - ausgenommen natürlich die Zeit des Nationalsozialismus. Wenn sich Afrikaner dagegen mit der Geschichte ihres Volkes auseinandersetzen, stoßen sie sehr bald auf die Gräuel der Sklaverei. Es fällt mir immer noch schwer darüber zu besprechen, weil es auch mich persönlich betrifft: Das Wissen, dass die eigenen Vorfahren noch versklavt wurden, macht einen nicht nur wütend, sondern ist in gewisser Weise schambehaftet. Das wirkt sich auf die Psyche von Individuen und Gemeinschaften aus. Eine der Grundregeln der Sklaverei war, dass ein Sklave weder lesen noch schreiben durfte. Darauf stand die Todesstrafe. Von allen Entbehrungen, unter denen diese Menschen leiden mussten, erscheint mir dieses Verbot besonders obszön. Deshalb versuche ich, in "Die Botschaft von Kambodscha" in den Gesprächen zwischen Fatou und ihrem afrikanischen Freund Andrew ein möglichst realitätsnahes Bild davon zu vermitteln, was es heißt, sich mit geringer Bildung in der modernen Welt zurechtfinden zu müssen. Millionen von Menschen sind davon betroffen.