Kulturpolitische Herkulesaufgaben für das brut . - © Florian Rainer
Kulturpolitische Herkulesaufgaben für das brut . - © Florian Rainer

Wien. Am Anfang war ein Defizit. Die freie Theater-Szene, in Wien traditionell textorientiert, bringe zu wenig Zeitgenössisches hervor, sei zu wenig experimentell, entwickle zu wenig internationale Strahlkraft und vernachlässige den künstlerischen Nachwuchs. Dies sollte sich mit der Theaterreform, 2003 von Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny ins Leben gerufen, von Grund auf ändern.

Als Ausweg aus der Misere schwebte den Masterminds der Theaterreform ein internationales Koproduktionshaus vor, wie
Kampnagel in Hamburg und Gessnerallee in Zürich. Das sind Kultureinrichtungen, die auf internationaler und nationaler Ebene koproduzieren und präsentieren. In Wien sollte das ehemalige dietheater, mit den beiden Spielstätten im Künstler- und Konzerthaus, fortan brut genannt, diese Herkulesaufgabe leisten.

2007 übernahmen Thomas Frank und Haiko Pfost die künstlerische Leitung. Acht Spielzeiten später endet nun die Intendanz von Frank (Pfost ging 2013 in Bildungskarenz) mit einem umfangreichen Abschiedsprogramm (siehe Info-Kasten). Im kommenden Herbst übernimmt Kira Kirsch die beiden Bühnen. Grund um Bilanz zu ziehen: Wo liegen Möglichkeiten und Probleme einer Einrichtung wie dem brut?

Neue Positionen


"Wir waren überrascht, wie viele Künstler in Wien für unser Programm relevant waren", erinnert sich brut-Leiter Thomas Frank im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" an seine Ankunft in Wien und ist überzeugt, "auch weil wir so viel künstlerisches Potenzial in der Stadt vorfanden, konnten wir das brut so erfolgreich aufbauen." Die Auslastungszahlen belegen eine steigende Akzeptanz des brut-Programms beim Publikum - von 85 Prozent in der ersten Spielzeit konnte die Quote stetig auf zuletzt 92 Prozent erhöht werden.

Die brut-Intendanten sind auch auf Künstler zugegangen, die nicht unbedingt im Theaterkontext tätig waren, neue Zusammenarbeiten sind entstanden etwa mit Videokünstlern und Musikern (BRUTTO, klingt.org, Velak).

Naheliegend also, dass sich das brut zunehmend als Party- und Konzertort etablierte, mit krachend vollem Tanzsaal. "Einer bestimmten Popkultur wurden die Türen geöffnet, es gab neue Formate für Positionen außerhalb des Mainstream", meint die Tänzerin und Choreografin Doris Uhlich gegenüber der "Wiener Zeitung". Die Karriere der 38-Jährigen, die im brut auch auflegte, ist eng mit dem Haus verbunden - "das Team hat mich immer unterstützt und war für mich da."

Die Entwicklung hin zu mehr Musik begrüßten freilich nicht alle Künstler der freien Szene. "Das Rahmenprogramm ist zunehmend zur Hauptsache geworden", sagt etwa Kornelia Kilga von der Theaterformation toxic dreams. "Gleichzeitig gab es immer weniger Spieltage für die Aufführungen." Die kurze Spieldauer wirkt sich auf die Produktionen aus: Es wird immer mehr für einen immer schneller rotierenden Betrieb produziert. Wer, fragt Kilga, wagt sich noch an große, aufwendige Produktion? Die Inszenierungen werden notgedrungen kleinformatiger und Gastspielkompatibler.

Diesem Trend folgte das brut, es kam zu regen Auslandsaktivitäten: Von 2008 bis 2015 fanden in 32 Ländern 691 Gastspiele statt, 45 österreichische Künstler waren mit 90 Produktionen an den Tourneen beteiligt,

Paradigmenwechsel


Schleichend vollzog sich ein Paradigmenwechsel in der Art des Produzierens: Wo ehedem die autonome Gruppe mit künstlerischer Selbstverantwortung überwog, wird nun ein Programm gestaltet, das der künstlerischen Handschrift der Intendanten folgt, was zwangsläufig zu einem gewissen Kontrollmechanismus und mitunter zum Ausschluss abweichender Ästhetiken führt. Frank: "Künstler haben kein Abo fürs brut, wir einigen uns mit ihnen auf Projekte."

Zum Menetekel wurde die finanzielle Ausstattung des brut, das Koproduktionen im größeren Stil kaum ermöglichte. "Eine herbe Enttäuschung" sei für Frank der Rückzug des Bundes aus der Förderung. Auch die Projektförderung beanstandet Frank: "Die freie Szene wird nach wie vor stiefmütterlich behandelt." Ein kulturpolitisches Defizit ortet er in der "Diskrepanz zwischen Hoch- und Off-Kultur."

Defizit behoben? Es bleibt noch genug zu tun.