Ein strahlender Bühnenschwan: Eva Mayer als LV. - © Sepp Galauer
Ein strahlender Bühnenschwan: Eva Mayer als LV. - © Sepp Galauer

Die Kammerspiele haben sich ein goldenes Ei gelegt. Dem englischen Stückeschreiber Jim Cartwright bleibt in Wien, 23 Jahre nach der Londoner Uraufführung, die Gunst des Publikums treu. Seine Wunderkindromanze "Aufstieg und Fall von Little Voice" bietet nach den Spielregeln der Kulturindustrie Showbiz in virtuos gepresster Dichte. A Star is born, ein vorerst graues Küken steigt über die familiäre Hindernisleiter auf zum strahlenden Bühnenschwan. Mit Zugnummern von Judy Garland, Shirley Bassey, Marilyn Monroe, Billie Holiday, Marlene Dietrich, Edit Piaf. Nur deren Lieder auf Vinyl erbte das "El-Vie" gerufene Mädchen vom Vater.

Doch zum Gram und Schaden der brutalen Vermarktungsstrategen flieht LV aus der vorgezeichneten Karriere. Wohin? Fort von der verhurten Mutter (Sona MacDonald) und ihrem Stecher (Michael von Au), fort vom schmalzlockigen Music-Hall-Manager (Heribert Sasse). Nur mehr für den biederen süßen Billy aus dem Elektrikerhandwerk (Matthias Franz Stein) will sie singen. Im Vereinslokal der lokalen Taubenzüchter installiert Billy für sie Sound and Light. Und dann ab ins einfache Leben mit "The first time ever I saw your face . . ." Zwei Glückskinder. "Du singst mit deiner eigenen Stimme", hätte Billy jetzt El-Vies gelungene Selbstfindung zu lobpreisen. Doch der Regisseur Folke Braband, ein kraftvoller Boulevard-Routinier, durfte diesen Schlusssatz getrost streichen. Denn schon nach dem letzten Ton des Leona-Lewis-Songs beginnt der Jubel zu brausen.

In jedem Stadttheaterensemble finden sich Damen bereit für die Zweitverwertung alter Ohrwürmer. Das Publikum fiebert allerorten: "Schafft sie es oder nicht?" Gefragt ist Camouflage im möglichst originalgetreuen Timbre. Die zu herziger Verhaltenheit geführte Eva Mayer kommt in ihrem Medley am nächsten an Judy Garland heran, am fernsten bleibt sie der Piaf. Die Regie rettet ihre "Lili Marleen" mit einer Stechschritt-Verhohnepipelung der "Krauts". Action statt Schattenstimme. Doch als wirklicher Star des Abends empfiehlt sich Michael von Au. Ein Mischcharakter. Schmierig wie ein Zuhälter, sentimental, wenn es nützt, Beschützer und Förderer, in der nächsten Sekunde brutaler Ausbeuter. Tennessee Williams gab solchen Typen ein wahrhaftiges Ego, Cartwrights Konstruktion knirscht in den Scharnieren. Doch wie schon Michael Caine in der Verfilmung von 1998 pumpt Au Mutter Maris Lover auf zur rundum lebendigen Hauptfigur. Streng kalkuliert in den Gewaltexzessen, natürlich gierig auf Maris Sofa. Mit einem Märchen vom armen Vögelchen, das er das Fliegen lehrt, zieht er für Augenblicke LV in seinen Bann und das ganze Theater.

Sona MacDonald kommt über die Abziehbild-Schlampe im Schmuddelsalon (Bühne: Stephan Dietrich) nicht hinaus. Ursula Grützmacher-Taboris Übersetzung setzt auf intellektuelles Vexierspiel. "Ich bin fast im Erdboden versunken vor Peinlichkeit. Die Röte ist mir bis zur Scham gestiegen." Solche filigrane Sätze kommen der aufgedrehten Sexbrumme nicht wie von selbst über die Lippen. Ihre dickliche Haushaltshilfe (Susanne Wiegand) kann auf der Bühne wenig gewinnen. Dem guten alten Heribert Sasse gelingt eine erschreckend wahre und laut beklatschte Überzeichnung seiner brüchigen Komödiantennatur als Mr. Boo, Hausherr im Club Boogaloo. Glitzerjackett, Mikrofon, ausgeleierte Entertainerwitze. Falscher Glanz und echtes Elend von den Müllhalden der Showbiz-Industry.

Theater

Aufstieg und Fall
von Little Voice

Wh.: 9., 10., 22.-27. Mai, 24.- 26. Juni; www.josefstadt.org